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Wenn Faschisten Urlaub machen

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Gesellschaft

Der Sommer kann auch “schwarz“ sein. Einige Einblicke in Touristenattraktionen für Nostalgiker des rechten Europas. Von Mussolini bis Salazar, von Hitler bis Franco. Wenn Faschismus zum Business wird.

Den Vorschlag des römischen Bürgermeisters Gianni Alemanno (Alleanza Nazionale, Rechtskoalition, A.d.R.), eine Straße nach Giorgio Almirante, dem Unterzeichner des “Rassenmanifests“, Heimkehrer der Italienischen Sozialrepublik und Gründer der rechtsextremen Partei MSI (Movimento Sociale Italiano) zu benennen, kommentierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung so: “Ein Hitler-Mausoleum in Braunau ist undenkbar, aber Mussolinis Familiengruft in Predappio dient seit 1957 als faschistische Weihestätte.“

Pilgerfahrten nach Predappio

©NicoR/FlickrPredappio ist Mussolini’s Geburtsort und deshalb das beliebteste Ziel für “schwarze“ Pilgerfahrten. Dieser Schnell-Tourismus bringt der Kleinstadt in der Emilia-Romagna viel Geld ein, vor allem dem entsprechenden “Fachhandel“: Zuerst ein Besuch in der Krypta des Duce auf dem städtischen Friedhof und dann ein kurzer Stopp in den Souvenirgeschäften mit großen Schaufenstern an der Via Matteotti (sozialdemokratischer Politiker, der von einem Faschistentrupp ermordet wurde), der Via Roma (Name, der zwangsläufig an den Marsch erinnert, der Mussolinis Aufstieg zur Macht zeichnete) und dann weiter in Richtung Meer oder in die umliegenden Berge voller Relikte aus dem “Ventennio nero“, den Glanzzeiten des Faschismus in Italien.

Hier gibt es Büsten und Statuetten des Duce ab 25 Euro und Fahnen für jeden Geschmack – von der klassischen Trikolore mit Liktorenbündel bis hin zu Flaggen mit dem doppelten S von Hitlers Schutzstaffel und allen möglichen Varianten von Haken- und Keltenkreuzen. Ebenso wenig fehlt das Symbol der 10. Schnellbootflottille (Totenkopf mit Rose im Mund), die von 1943 bis 1945 den Nazis zur Seite stand, und deren Anführer Junio Valerio Borghese noch 1970 einen Staatsstreich versucht hatte, um in Italien ein Militärregime zu errichten. Für den Knauser gibt es Souvenirs schon ab 5 Euro (wie zum Beispiel eine Banknotenklemme “Duce“), für den harten Typ Knüppel mit eingraviertem Mussolini-Portrait oder schwarze, ausziehbare Schlagstöcke, für Eigenwillige den Kolonialisten-Fez und für Prosaiker einen Kalender, Sweatshirts oder den Lieblingswein des Duce, Sangiovese.

Das Haupt von Salazar

Dieses Business entgeht auch nicht dem Bürgermeister von Santa Comba Dão, der der Welt am liebsten die komplette Salazar-Statue zurückgeben würde. Von der Skulptur, die während der Nelkenrevolution zerstört wurde, ist nur noch der Kopf erhalten, der im Rathaus verwahrt wird. Nach Ansicht des Bürgermeisters verdiene der Diktator, der in der TV-Sendung Os Grandes Portugueses zum bedeutendsten seiner Landsleute gewählt wurde, sogar ein Museum und Souvenirgeschäfte, die T-Shirts und Statuetten des Estado Novo-Gründers verkaufen.

Ungeachtet der Demonstrationen des Nationalistenverbandes TIR (Terra Identidade Resistência) und der Polemik zwischen den Linksparteien und den moderat Konservativen bezüglich der Eröffnung des Museums bleibt das einzige Relikt von Salazar vorerst lediglich eine kleine Tafel an der Wand seines Geburtshauses, ein unbewohntes, baufälliges Gebäude im Ortsteil Vimieiro, im Gedenken an einen “freundlichen Mann, der regiert, aber nie gestohlen hat“.

Franco und die nationale Versöhnung

©J.Carlo/FlickrDer Generalísimo Francisco Franco zeigte sich weitsichtiger als Salazar und ließ sein eigenes Mausoleum gleich selbst errichten. Valle De Los Caídos ist ein grandioser Baukomplex mit einer gigantischen unterirdischen Basilika, die von einem über 150 Meter hohen Kreuz und einem Benediktinerkloster überragt wird. Die ursprüngliche Idee des Caudillo war eine Gedenkstätte für die Gefallenen beider Fronten des spanischen Bürgerkrieges als Symbol der nationalen Wiederversöhnung. Aber der Ort ist voller Widersprüche: Für den Bau wurden politische Gefangene der Republikaner eingesetzt, während der Erste, der auf Befehl von Franco selbst hier bestattet und geehrt wurde, der Gründer der Falange Española, José Antonio Primo de Rivera, war. Nun treffen sich hier an jedem 20. November, dem offiziellen Todestag beider Vertreter des spanischen Faschismus, einige Tausend Franco- und Falanga-Nostalgiker, um ihrer Helden zu gedenken. Ein Gesetzesentwurf des spanischen Parlaments zielt indessen darauf ab, den Ort zu entpolitisieren und ihm seinen religiösen Charakter zurückzugeben.

Hitler’s Enthauptung

©mharrsch/FlickrJedes europäische Land zeigt bezüglich seiner eigenen schwarzen Vergangenheit ein anderes komplexes, widersprüchliches Verhalten. Von Kollaborateur-Regierungen gibt es nur noch wenige Spuren. Ein Beispiel ist das Haus des norwegischen Politikers und Chefs der von den Nazis unterstützten Marionettenregierung Vidkun Quisling in Oslo, das in ein Zentrum für Holocaust-Studien umgewandelt wurde. In verschiedenen Ländern wollte man ferner verhindern, dass solche Gedenkstätten zu Treffpunkten für Neonazis und Neofaschisten werden könnten, und bestattete nationalistische Leader und Diktatoren anonym. Dies war der Fall bei Monsignor Jozef Tiso, der die Slowakei zu einer Alliierten der Achsenmächte machte, Corneliu Zelea Codreanu, dem Gründer der rumänischen Eisernen Garde, sowie zahlreichen deutschen Nazifunktionären.

Besonders in Deutschland versuchte man, jede Spur des Nazismus restlos auszulöschen. Und dennoch ist das berühmte “Adlernest“, die Chalet-Festung am Berghof, in dem sich Adolf Hitler in Gesellschaft von Eva Braun mit hohen Parteifunktionären traf, heute ein Restaurant und eine Touristenattraktion – und dies wohl nicht nur wegen der schönen Aussicht. Trotz allem bleibt das Dritte Reich eine umstrittene Zeit. Ein Beispiel? Der Versuch, in der Berliner Niederlassung des Wachsfigurenkabinetts Madame Tussauds eine 200.000 Euro teure Nachbildung des Führers auszustellen. Nur zehn Minuten nach Museumseröffnung riss der Besucher Andreas L. der Wachsfigur den Kopf ab und brachte damit “erste gelungene Hitler-Attentat“ zuwege.

Translated from Fascisti in vacanza