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Zero Waste, hundert Prozent Hipster?

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Translation by:

Rebecca Zeil

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In Brüssel florieren die Zero Waste-Initiativen wie noch nie, sei es auf Konferenzen, in Cafés, Workshops oder auf Festivals... Ist dieser Trend zur Abfallreduzierung nur der neueste Öko-Hype einer europäischen Hauptstadt oder der Beginn eines wirklichen Kollektivbewusstseins über unser Konsumverhalten?

Seid ihr schonmal auf eines dieser Bilder gestoßen, das schwimmende Müllinseln inmitten des Ozeans zeigt? Oder auf eine Schildkröte mit einem Strohhalm in der Nase? Einige hundert Aktivisten in Brüssel hatten es satt, sich solche Bilder noch länger ansehen zu müssen. Im April fand deshalb in einem Brüsseler Supermarkt die erste Plastic Attack statt. Das ursprünglich aus Großbritannien stammende Phänomen ist auf dem Kontinent angekommen. Das Ganze funktioniert in etwa wiefolgt: Man macht seinen regulären Einkauf, bezahlt an der Kasse und packt daraufhin alle Produkte aus. Die Verpackungen werden dann im Einkaufswagen gestapelt. Damit wollen die Aktivisten eine Reaktion der großen Handelsketten auf deren absurde Verpackungspolitik erzielen.

Barrieren im Kopf

Sandrine, Victoria, Pauline und Florian gehören zu genau dieser Gruppe von Umweltaktivisten, die endlich etwas gegen diese Plastik-Plage des 21. Jahrhunderts unternehmen will. Florian (30) hatte sich zunächst der Eröffnung eines eigenen Supermarktes gewidmet, der „einen positiven Einfluss auf die Umwelt haben sollte“. Und seine Strategie ist aufgegangen. Sein Laden Day-By-Day, ein französisches Franchise-Unternehmen mit Spezialisierung auf Zero Waste, den er vor sieben Monaten im Brüsseler Viertel Saint-Gilles eröffnet hat, läuft auf Hochtouren. Dort ist nun Schluss mit Plastikverpackungen des Lieblingsmüslis, Produkte werden hier dem Planeten zuliebe direkt in Glasbehälter abgefüllt.

Arthur (26), der runde Brillengläser und einen karierten Blazer trägt, erklärt uns das Konzept des Ladens: „Es ist eine psychische Barriere, die es zu bewältigen gilt“. Hat man seine natürliche Skepsis gegenüber praktischen oder gesundheitlichen Aspekten erst einmal überwunden, dann versteht man ziemlich schnell, dass der Einkauf hier eigentlich ähnlich abläuft wie im Supermarkt um die Ecke.

Außerdem muss man in diesem ziemlich schicken Viertel Brüssels nicht lange laufen, um auf Lose-Läden zu stoßen. Arthur muss sogar „40 Minuten lang laufen, um hier anzukommen“, aber die nimmt er gern in Kauf. Obwohl es zunemhmend mehr Zero Waste-Initiativen gibt, bleiben sie trotzdem auf wenige Viertel mit festem Kundenstamm beschränkt.

Übersicht « Zéro-Waste » de Saint-Gilles Die Zero Waste Läden in Saint-Gilles

Deshalb haben sich zwei junge Gründerinnen in Brüssel ebenfalls der Herausforderung gestellt und ein komplett abfallfreies Café auf der anderen Seite der Stadt, in Schaerbeek eröffnet. Freundlich lächelnd empfangen uns Victoria (24) und Sandrine (25), in cosy Ambiente. Zwischen Sofas und farbigen Sitzbänken thronen die Glasbehälter neben Stoffservietten. Mit einer dampfenden Tasse Kaffee in der Hand erklärt uns Victoria: „Wir hätten in Ixelles oder Saint-Gilles aufmachen können, wo sich unser Zielpublikum befindet. Aber was bringt es so viel Herz in ein Projekt zu stecken, das am Ende nichts ändern wird. Wir wollten in ein kulturell gemischtes Viertel und dazu beitragen, die Dinge in Gang zu setzen.“ Auf dem Colignon-Platz bieten Victoria und Sandrine Coffee to go in Pfandbechern und Erfrischungsgetränke mit Aluminiumtrinkhalmen an. Sie würden gern Workshops organisieren, um die Leute für Zero Waste zu sensibilisieren und hoffentlich bald ein „breiteres Publikum anzusprechen“.

Workshops zum Thema Zero Waste organisiert der Verein Zero-Waste Belgium schon seit fast zwei Jahren. Pauline, Mitbegründerin des Vereins, räumt ein: „Die Mehrheit der Leute die [zu unseren Veranstaltungen] kommen, sind Frauen in ihren Dreißigern aus eher wohlhabenden Verhältnissen. Der Großteil dieser Menschen ist schon sensibilisiert, wir erreichen nicht unbedingt die breite Öffentlichkeit“.

Je reicher ein Land ist, desto mehr schmeißt es weg

Während in Europa durchschnittlich 475 Kilogramm Abfall pro Nase im Jahr erzeugt werden, sind die Ungleichheiten nicht wegzureden. Denn trotz der politischen Slogans zu ökologischer Verantwortung, schmeißt ein Land mehr weg je reicher es ist. Das Ergebnis: Deutschland, Luxemburg und Dänemark sind die europäischen Wegwerf-Champions (durchschnittlich 660 Kilogramm Abfall pro Person im Jahr 2014). Belgien liegt im europäischen Mittelmaß (435 Kilogramm Abfall pro Person im Jahr 2014). Die 1,2 Millionen Brüsseler produzieren ungefähr 345 000 Tonnen Abfall im Jahr, wovon nur 40% getrennt gesammelt werden (Angaben 2014). Es bleibt also viel zu tun in der Europahauptstadt.

Deshalb hat Brüssel nun auch konkret reagiert und letzten März einen Zero Waste Plan ins Leben gerufen. Dafür wurde zunächst ein Flyer veröffentlicht, der „einfache Tipps mit großer Wirkung“ beinhaltet. Die Vermittlung soll von den Kommunen übernommen werden. In Schaerbeek zum Beispiel fand am 28. April ein Zero Waste Markt statt, um die Menschen interaktiv in die Thematik einzuführen. Es wurden Lose-Beutel gebastelt, Glasbehälter dekoriert, eigenes Spülmittel zusammengerührt. Sogar einen Zero Waste-Aperitif konnten die Besucher probieren, um „zu inspirieren und ihnen Lust darauf zu bereiten sich zu beteiligen“, vertraut Christelle an, die Angestellte beim „Service Éco-conseil“ (Umweltberatung) der Kommune von Schaerbeek ist.

Die Veranstaltung ist ein voller Erfolg: „Man spürt, dass Interesse da ist, Forderungen seitens der Bürger da sind“. Tatsächlich geben 9 von 10 Brüsselern in einer Studie der Stadt an, bei sich zu Hause Maßnahmen zu ergreifen, um weniger Abfall zu produzieren. Die Studie besagt, dass bereits drei Viertel der Bewohner Brüssls aktiv Abfall vermeiden. Auch Pauline von Zéro-Waste Belgium kann das bestätigen: Die Mehrheit von ihnen seien aktive und gebildete Frauen, die in einem Haus mit Garten leben.

Die größten Abfallproduzenten seien jedoch jüngere, inaktive und weniger gebildete Männer, die hauptsächlich in den Kommunen Molenbeek und Jette leben. Für diese „Problemviertel in der Umbruchphase“, so erklärt die Vertreterin von Éco-Conseil, sei extra ein Programm entwickelt worden, das so genannte CPAS. Ziel dabei sei, „die Menschen zu erreichen, damit sie sich neues Know-How aneignen“. Dabei soll weniger vom Zero Waste Prinzip überzeugt als aktiv gezeigt werden, dass man auf eine andere Weise konsumieren kann.

Neben den behördlichen Initiativen fährt Sylvie Droulans, Mutter von zwei Mädchen, kreuz und quer durch Belgien. An jedem Stopp erklärt sie Interessierten, dass Abfallvermeidung „nicht frustrierend oder einschränkend“ sein muss, sondern, dass man sein normales Leben weiter führen kann wie bisher: Arbeit, Schule, Freizeit, Soziales“. Man wähle eben nur „eine andere Art des Konsums“. So gibt Sylvie Droulans Ratschläge für den Alltag, wie man chemische Putzmittel durch Weißweinessig und ätherische Öle ersetzen oder waschbare Wattebäusche zum Abschminken verwenden kann. Die Vorschläge von Sylvie wirken sich sowohl positiv auf den Planeten als auch auf die Portemonnaies aus. Andere Tipps mögen auch ein klein wenig abwegig sein, wie zum Beispiel der Wurmkomposter in der Wohnung. Bis zum hauseigenen Wurmkomposter mag es noch dauern, aber Sandrine ist sich ganz sicher, dass „es bald genauso natürlich sein wird, einen Trinkhalm aus Aluminium im Schrank zu haben wie Konservendosen“.

Translated from Zéro-déchet : 100% bobos ?

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