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Radio Siani: ein Symbol des Widerstands gegen die Mafia

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Default profile picture Rebecca Jackson

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Seit 2009 kämpft Radio Siani gegen die Mafia in Ercolano, einem Vorort von Neapel. Das selbsternannte “legale Radio” setzt sich genau da für eine unabhängige Berichterstattung ein, wo sie eigentlich nicht mehr viel zu bedeuten hat.

In der Corso Resina 62 in Ercolano sind die Zimmer groß und die Decken hoch. Von hier aus kontrolliert die Mafiafamilie Birra das Viertel. Doch seit 2009, seitdem der Staat das Haus von ihr beschlagnahmt hat, sitzt hier ein kleiner Radiosender. Hunderte mit Filzstift geschriebene Botschaften dekorieren das Zimmer, das zur Straße hin liegt. Von “Camorra merda “ bis auf “ Le idee non si fermano con la paura “ (Die Ideen werden nicht mit Angst aufgehalten). Hier herrscht nun ein anderer Ton. “Hier wurde über das Leben und den Tod von vielen Menschen geurteilt. Deswegen hat es für uns eine starke symbolische Bedeutung hier zu sein. Hier ist unser Widerstand in gewisser Weise geboren”. Guiseppe und Gabriele führen durch das Haus, in dem sie ihren freien Sender vor mehr als zehn Jahren gegründet haben. Seit einigen Monaten sind die Räume leer. Noch haben sie nicht das Geld für die nötigen Renovierungsarbeiten zusammen.

Seit 1982 - seitdem ein Gesetz den italienische Staat dazu ermächtigt, illegal erworbene Häuser zu konfiszieren, hat die Justiz ungefähr 100 000 Häuser beschlagnahmt. Seit 1996 müssen diese Gebäude von sozialen Einrichtungen, staatlichen Institutionen, Kooperativen oder gemeinnützigen Vereinen genutzt werden. Autos oder Schiffe hingegen könnnen verkauft werden. 16 446 Güter haben bereits durch die Nationale Agentur für die Verwaltung und Zuteilung von beschlagnahmten und eingezogenen Gütern der organisierten Kriminalität eine neue Funktion in der Legalität gefunden. Laut der Organisation Liberia werden darunter 865 ausschließlich für soziale Zwecke genutzt.

In Gedenken an Giancarlo Siani

Im Herbst 2009, wird das Haus des Birra-Clans in Ercolano beschlagnahmt und die Verwaltung an eine Gruppe von junge Leuten übergeben, die mit einem freien Radiosender und kulturellen Veranstaltungen der Stadt neues Leben einhauchen will.

Zur selben Zeit fordert die Mafia weitere unschuldige Opfer, indem sie versehentlich den jungen Sänger Salvatore Barbaro ermordet. Einige Wochen später ist es Sofia, die Geschäftsführerin einer Bäckerei, die vor Ihrem Geschäft mit einer Bombe bedroht wird, nach sie sich weigerte, die Schutzgeldforderungen zu erfüllen. Für die Jugend war das einfach zu viel. Sie gründen eine Bewegung und organisieren am 21. November 2009 eine Widerstandsdemonstration bei der sie Gerechtigkeit fordern. Anfangs waren sie nur 30 Personen, doch am Ende waren es mehr als 1000. Aus diesem Protest ging Radio Siani hervor, quasi als eine Art Antwort auf das organisierte Verbrechen.

Giancarlo Siani war ein Enthüllungsjournalist in der Region Kampanien. Er wurde mit 26 Jahren von der Camorra am 23 September 1985 getötet. Er recherchierte zu geheimen Absprachen zwischen der Mafia und der lokalen Politik. Um genauer zu sein, untersuchte er die öffentlichen Aufträge für den Wiederaufbau der Provinzstadt Avellino, die von einem Erdbeben in 1980 beschädigt wurde. Zu seinen Ehren trägt das Radio heute seinen Namen, als Mahnmal für diesen Journalisten, der wegen der Ausübung seines Berufs ermordet wurde.

Fotos von Giancarlo Siani im Museo d’Arte Contemporanea Donna Regina in Neapel
Fotos von Giancarlo Siani im Museo d’Arte Contemporanea Donna Regina in Neapel

2010 bildet die inoffizielle Gruppe einen Verein mit zunächst 50 Mitgliedern . Sie nennen sich Zona Rossa (Rote Zone), in Anlehnung an die Risikozone um den Vesuv und an das Blut, das die Camorra in der Region vergossen hat. Durch den Anti-Mafiaverein Libera, wird ihnen klar, wie wichtig es ist über die Praktiken der Mafia zu informieren. " Vor Ort haben wir bemerkt, dass nur sehr wenig über die Aktivitäten der Camorra bekannt war. Niemand wusste Bescheid über das, was die Camorra genau macht oder die Schäden, die sie in der Vergangenheit verursacht hat und auch heute noch verursacht", erklärt Giuseppe Scognamiglio, Gründungsmitglied von Radio Siani. Am Anfang berichteten sie hauptsächlich live über die Prozesse der Mafiosi. Heute geben sie auch den unschuldigen Opfern der organisierten Kriminalität eine Stimme. "Wir mussten das Sprachrohr der Opfern werden", fügt Giuseppe hinzu.

"Wir sprechen über Gerechtigkeit und Kultur um der Camorra zu trotzen"

Durch das die Livesendungen des webradios und Podcasts senden sie auf lokaler Ebene engagierte Inhalte über ihren Widerstand, aber auch über verschiedene gesellschaftliche, kulturelle, kulinarische oder festliche Themen. " Wir sprechen über Gerechtigkeit und Kultur um die Camorra zu trotzen. Wir haben bemerkt, dass wir dieses Problem nicht frontal attackieren können, sondern es umgehen müssen, weil es leider zu viele Gründe gibt, die es ermöglichen, dass die Camorra funktioniert. Darunter auch die Unkenntnis und die Abgeschiedenheit der Jugend. Deswegen versuchen wir wirklich diese Themen zu anzusprechen". Von Berichten über eine ökologische Ernährung bis hin zum letzten Buch eines kanadischen Schriftstellers ist alles dabei. Radio Siani möchte den Hörerinnen und Hörern in einer von der Mafia geprägten Region positive Nachrichten bringen. Ein konkretes Beispiel? Eine gefilmte Radiosendung mit einer blinden Person, die ein Kochatelier für Sehbehinderte veranstaltete. Oder auch das Interview eines Regisseurs, der ein Theaterstück über Jugendliche und die Mafia mit Inhaftierten inszenierte.

Kirschtomaten und Wiedereingliederung

2012 wurde der gemeinnützige Verein Siani gegründet. Ihr Ziel ist die Bewegung auf die Dauer anzulegen und die Aktivitäten zu diversifizieren, um Benachteiligten soziale Wiedereingliederungsmöglichkeiten anzubieten. Die Struktur besteht aus sieben Gesellschaftern und einer Reihe von externen Akteuren, die gezielt an unterschiedlichen Aktivitäten teilnehmen. Wie die meisten italienischen Vereine und Gewerkschaften sind die Finanzierungsmittel rar und das Aufrechterhalten ihrer Aktivitäten ein echter Kampf. Radio Sianis Fortbestehen beruht auf mehr oder weniger stabilen Einkommensquellen. Zu den ersten gehören europäische, von der Regierung stammende, oder regionale Subventionen. Die jungen Gesellschafter stützen sich auch auf die Einnahmen aus einem von der Mafia beschlagnahmten Kirschtomatenacker am Fuss des Vesuvs. Dies ermöglicht ihnen drei Personen für fast einen Hektar Biotomaten zu beschäftigen. Derzeit versuchen sie den Anbau auszubauen. Daneben helfen Vorträge in Schulen, Wiedereingliederungsmissionen für junge Benachteiligte und ehemalige Gefangene, Aufklärungsaktionen und Sponsoring, das Einkommen des Vereins zu sichern.

Giuseppe Scognamiglio, Gründungsmitglied von  Radio Siani,  in den Lokalen des Radios
Giuseppe Scognamiglio, Gründungsmitglied von Radio Siani, im Studio von Radio Siani

Giuseppe und Gabriele verschweigen nicht, dass die Lage sowohl für sie als auch für die Struktur nicht gerade komfortabel ist. Aber Angesicht der allgemeinen Situation in der Region und im Land relativieren sie. " Jahrelang wurden wir mit so vielen sehr schlechten Anstellungsmodellen konfrontiert. Wir waren unterbezahlt und ausgebeutet. Letztendlich ist das Gründen eines Vereins mit einem wenig Geld, aber in dem wir in Anführungszeichen unsere eigenen Chefs und frei sind uns zu entschließen, ob wir 15 Stunden zu ein und demselben Thema arbeiten möchten, oder auch nicht, weil wir zum Beispiel lieber eine gewisse Person interviewen möchten, ist auch eine Lebenseinstellung. Es ist fast unmöglich eine Arbeit hier im Süden zu finden. Also haben wir uns entschieden hier eine Zukunft mit dem Verein aufzubauen, anstatt fort zu gehen", fasst Gabriele, der dem vor 3 Jahren beigetreten ist, zusammen.

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Von aufgestochenen Reifen, über zerbrochene Fenster, bis zu bewaffneten Einschüchterungen, die Mitglieder von Radio Siani wurden schon oft von der Camorra bedroht. Aber Giuseppe versichert, dass mit der Fortführung ihrer Arbeit, die Angriffe nach und nach abgenommen haben. “Als sie verstanden haben, was wir vorhatten und was wir schon erzielt haben, dass wir keine Todessoldaten waren, dass wir keine Vergeltungsakte planen oder zum Beispiel Prügel verteilen oder, dass wir auf keinen Camoristi einschlagen wollten, sondern dass wir uns für die Kultur einsetzen, von dem sowohl die Bürger als auch ihre Kinder profitieren können, hatten wir keine Problemen mehr”. Giuseppe und Gabriele haben sich entschieden gegenüber den existierenden Gefahren ein eher gelassenen und rebellenartiges Verhalten an den Tag zu legen. “Wenn man Korruption, die Umweltzerstörung, die Schutzgelderpressung, die Camorra, die allgemeine Gewalt und Missbrauch denunziert, ist die Reaktion immer dieselbe”. Seit den ersten Spruchbändern bis hin zur Besetzung des Hauses eines Mafiaclans - sie drehen der organisierten Kriminalität eine lange Nasen.

Gabriele en studio radio ambulant
Gabriele am Mikrofon im Studio © Mathilde Dorcadie

Seit August ist das ehemalige Haus des Birraclans komplett leer. Schon vor 3 Jahren hatte Radio Siani die Ausschreibung des Justizministerium zur Renovierung des Studios gewonnen. Die Bauarbeiten die schon diesen Sommer anfangen sollten, wurden verspätet. Außerdem warten sie noch auf die Finanzierung durch den die Kommune. In der Zwischenzeit ziehen die Mitglieder des Radios mit Ihren Mikrofonen durch die Stadt. Oder sie nehmen sie mit nach Hause, um die Stimme der Gerechtigkeit und des Widerstands gegen die Mafia in die Welt zu senden.


Dieser Artikel konnte durch Erasmus + entstehen und wurde von Cafébabel und Radio Sianiim Oktober 2020 verfasst.

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Story by

Léa Marchal

Babélienne depuis 2018, je suis éditrice pour le magazine Cafébabel. Je suis également la rédactrice-en-chef du projet Generation Yerevan, co-créatrice du podcast Soupe à l'Union, et journaliste free lance dans les affaires européennes

Translated from Radio Siani : symbole de la résistance à la mafia