Participate Translate Blank profile picture
Image for Patrice: „Ich baue mir meine eigene Kultur“

Patrice: „Ich baue mir meine eigene Kultur“

Published on

Creative

Patrice veröffentlicht diesen Freitag (am 30.9.2016) sein neues Album Life's Blood. Das nahmen wir zum Anlass und sprachen mit ihm über Flugangst, schwere Rucksäcke, Heimat und einen alten Kassettenrecorder. Vor allem aber darüber, wie wichtig es ist, zu mischen - und dass die Rechtsextremisten etwas ordentlich missverstanden haben.

Ein Studio in Paris, im 9. Arrondissement. Ein schickes  Stadthaus: hohe Decken, goldener Stuck und Spiegel an den Wänden, die großen Fenster mit Blick auf einen schönen, grünen Innenhof. Patrice sitzt dagegen auf einem halbkaputten Sessel: Jeans, Hawaiihemd, weiße Schirmmütze. Er puhlt immer wieder mit der Hand im Schaumstoff der Sesselarmlehne. Der deutsche Sänger und Songwriter, der seit 1999 erst in Frankreich und Deutschland, später auch europaweit mit seiner eigenen Musik erfolgreich wurde, ist gerade auf Promo-Tour in Paris. 

Von der Sesselarmlehne gehen die Hände zur Mütze, an der er herumspielt - dann gestikuliert er mit ausladenden Bewegungen. Seine Hände bleiben nicht ruhig, genauso wie Patrice. Das sagt der 37-Jährige auch über sich selbst: „Bei mir ist alles in Bewegung - die Orte oder das, was ich Heimat nenne, das wechselt alles.“ Seit Jahren pendelt er zwischen Köln, Paris, London und New York, lange hält er es an keinem Ort aus: „Wenn ich länger an einem Ort war, dann freue ich mich wieder auf den nächsten.“

Schöne Anfänge

So sei es auch beim Musikmachen: „Wenn ich zu viel von einer Sache gemacht habe, dann freue ich mich auf die nächste.“ Patrice, der mit vollem Namen Gaston Patrice Babatunde Bart-Williams heißt, macht Reggae, mit Einflüssen von Jazz, Soul, Funk, Dub und Hip-Hop. Aber er schreibt nicht nur seine eigenen Songs und spielt Konzerte, sondern hat auch eigene Aufnahmestudios und ist Produzent. „Ich bin immer Musiker - arbeite aber immer an einem anderen Aspekt“, sagt er und zählt dann auf, was ihm an den einzelnen Tätigkeiten gefällt: „Songs schreiben ist eigentlich etwas voll Intimes, Konzerte spielen und auf der Bühne zu stehen ist etwas Exhibitionistisches, du teilst dich voll mit! Und Produzent, da musst du Abstand haben zu einem Künstler, damit du ihn besser sehen kannst, um dann das, was am Schönsten ist, in den Fokus zu stellen.“ Aber eine Vorliebe hat Patrice nicht wirklich. Am liebsten seien ihm in allen Bereichen die Anfangsphasen:

Mit zwölf Jahren hat Patrice angefangen, Gitarre zu spielen. Aus Gruppenzwang, sagt er. „Und weil ich immer so einen Drang hatte, mich selbst in Szene zu setzen und ausdrücken zu können.“ Damals spielten alle Gitarre. Klar, dass er es auch versuchen wollte. Große Vorbilder waren Bands wie Guns N' Roses oder Metallica. Nach den ersten paar Songs anderer Bands, die er sich „drauf geschafft“ hat, begann er, eigene Lieder zu schreiben. „Und da hatte ich extreme Erfolgserlebnisse, weil es irgendwie funktioniert hat. Auf Anhieb.“ Doch schnell nahm er Abstand  von den Mustern bekannter Bands und mischte vor sich hin: Auf seiner akustischen Gitarre versuchte er Hip-Hop- und Reggae-Elemente zu spielen. Genau das machte ihn einzigartig - und so brachte er 1999, mit 18 Jahren, noch vor seinem Abitur, seine erste EP LIONS heraus. Damit wurde er gleich in Deutschland und Frankreich bekannt und tourte als Vorband von Lauryn Hill durch Europa. Seine Mutter wusste davon nichts. Sie hat ihn anfangs gar nicht ernst genommen. Und als er ihr ein paar Jahre zuvor seine ersten, auf Kassettenrecorder aufgenommenen Stücke vorspielte, lachte sie ihn eher aus:

Man nimmt Patrice sofort ab, dass er auch deshalb Musiker geworden ist, weil er sich gern in Szene setzt. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch nebenbei, so wie jetzt, wo er von einem zum anderen Interview rauscht. Anfangs folgte fast jedes Jahr eine neue Platte. Nun erscheinen die Alben etwa alle drei Jahre. Das zehnte Album Rising of the Son erschien 2013. Mit dem Titel spielte er auf die Wiedergeburt an: Patrice wurde an genau dem Tag geboren, an dem sein Großvater starb - für seine Familie ein klares Zeichen. Mit dem Album schlug Patrice einen Bogen zurück zu seiner Familie. Das Musikvideo drehte er in Sierra Leone, dem Herkunftsland seines Vaters.

Das neue Album Lifes's Blood

Nun veröffentlicht der Songwriter seine neue Platte Life's Blood. In Deutschland erscheint sie am Freitag, 30. September, in Frankreich im Oktober. Auch hier hat die Titelwahl wieder eine besondere Bedeutung, führt Patrice aus: „Life's Blood heißt so viel wie Wasser oder Lebensblut, das, wofür man lebt, was einen besonders aufleben lässt. Das ist halt mein Lebensblut, was da rein geflossen ist. Und Wasser, weil sich Werte in unserer Welt so krass verschoben haben: Wir geben Papier mit Nummern drauf so einen extremen Wert - aber es hat keinen eigentlichen Wert. Dagegen hat Wasser überall wo wir sind, in der Wüste und im Dschungel immer denselben Wert: Es ist immer das, was wir am meisten brauchen.“

Motto: Mischen!

Schon aus dem Video seiner neuen Single „Burning Bridges“ wird ersichtlich: Auch hier spielt er mit Einflüssen aus der afrikanischen Kultur. Zu mischen ist ihm weiterhin wichtig. Er findet auch „superinteressant, das Vergangene mit dem zusammenzubringen, was jetzt gerade fresh ist“. Und das sind in dem Fall afrikanische Tänze oder traditionelle Instrumente, die er im Video mit Hip-Hop-Tänzern und elektronischer Musik zusammenbringt. „Wenn man einem modernen Tänzer heute zuschaut, dann sieht man Afrika, egal woher der Tänzer kommt. Weil er mit seinem Tanz, mit seiner Art sich zu bewegen, eine Geschichte erzählt, die auf etwas aufbaut. Moderne Sachen wie Hip-Hop haben ihren Ursprung in Afrika. Und auf jeden Fall ist es für mich auch ein wichtiger Bestandteil, weil meine Familie daher kommt.“

Mischen war nicht nur Weg zum Erfolg, sondern auch Grundbedingung jeglicher Existenz für Patrice: „Mischen ist der natürliche Lauf der Dinge. Wir alle existieren nur, weil Mann und Frau sich gemischt haben. Auch an jedem Volk steht eine Mischung am Anfang, es gibt keine 'reinen Afrikaner' oder 'reinen Europäer'.“ Nach seiner Staatsbürgerschaft fragt man ihn deswegen besser nicht: „Ich weiß, was die Intention hinter der Frage ist, aber sie ist mir sehr unangenehm. Ich sage dann einfach, was im Pass steht - aber nur ihr [der fragenden Person, Anm. der Red.] zuliebe. Ich baue mir meine eigene Kultur aus den Dingen, die ich mag. Und ich glaube, jeder tut das bis zu einem gewissen Grad. Ich finde, wir sind nicht festgelegt dadurch, wo wir geboren sind. Das ist der natürliche Lauf der Dinge.“ Und was sagt jemand, der so denkt, über Rassisten? „Das ist unnatürlich.“

Limits & Flugangst

„In dieser dauerhaften Bewegung und dem Mischen müssen sich doch Konstanten finden?“, frage ich. „Meine Limitierungen“ antwortet er ernst und lacht dann laut los. Seine Stimme habe nur eine bestimmte Reichweite, er nur ein begrenztes Akkordwissen - „und die Dinge, die ich nicht kenne, die gibt's auch nicht in meiner Welt.“ Das sei aber auch gut, Limitierung sei wichtig, denn viel kompensiere man über Style, was sich auf die Musik positiv auswirke: „Am Anfang meiner Karriere war ich viel limitierter und konnte viel weniger. Viele sagen, meine ersten Platten waren die besten, weil ich mich da auf eine Sache konzentriert habe und die halt komplett durchgezogen habe. Heute kann ich mehr, und mag auch mehr. Und manchmal können Leute nicht so schnell folgen. Oder sie fragen sich: Warum bleibt er nicht in dieser Box, die ich für ihn gebaut habe?“

Eine weitere Konstante ist sein dicker, schwerer Rucksack. Darin schleppen Patrice oder seine Assistentin verschiedene Aufnahmegeräte mit sich herum. „Da sind dann zwei Laptops drin, fünf Harddrives, so eine Soundkarte und Mikros“, zählt er auf. Das Equipment braucht er, damit er spontan und überall etwas aufnehmen kann. 20 Kilogramm wiegt das Ding - seine Assistentin hat sich deswegen vertraglich pro Monat eine Massage garantieren lassen.

Der Rucksack ist auch Schuld daran, dass Patrice bei Sicherheitskontrollen am Flughafen regelmäßig angehalten wird: „Ich muss jedes Mal einen Sprengstofftest machen.“ Auf kürzeren Strecken, wie zwischen Köln und Paris, versucht er, mit dem Zug zu fahren. Umweltschutz ist nicht der Hauptgrund: „Ich habe richtige Flugangst - kein Spaß.“

Und damit beginnt wieder eine seiner kleinen Anekdoten: „Ich lasse mir ja immer nichts anmerken und versuche ganz cool zu sein, aber irgendwie sieht man mir es dann doch an“, erzählt er und grinst in die Kamera. „Die streicheln dann so über meine Hand. Oder bei Easy-Jet zum Beispiel, wo ja alles extra Geld kostet, da werden mir einfach so Getränke ausgegeben. Die kommen dann zu mir und fragen mich: 'Wollen sie was trinken?'“ Er beugt sich vor und schaut besorgt, wie es die Stewardess tun würde. Dann lehnt er sich wieder zurück und antwortet gespielt locker: „Nein, nein, alles gut, danke - ich habe keinen Durst.“ „Sie trinken jetzt was“, imitiert er die Stewardess und erzählt, dass er dann einen Mojito bestellt - und am Ende zwei bekommt.

Dann erscheint wieder der ernste, nachdenklichere Patrice: „Ich habe mal von einem Piloten gehört, dass Fußballer oder andere öffentliche Personen so richtige Flugangst haben, weil sie nicht wollen, dass sich was verändert. Ich glaube, man hat Flugangst, weil man sich zu wichtig nimmt. Aber ich arbeite daran! Wenn man seine Angst vor dem Tod überwindet, dann überwindet man alle Grundängste.“

Macht so ein Leben nicht müde? Die Frage stellt sich vor allem, weil nicht nur ein sehr lustiger, entspannter Patrice vor uns sitzt, sondern einer, der ein bisschen erschöpft und verschnupft ist. Die Nacht davor war kurz, erzählt er. Er  hat in einem Pariser Club, La Cigale, gespielt - mit der Sängerin Calypso. (Die Live-Übertragung von arte ist hier zu sehen.) Und danach war Open-Rum-Night...

Für Patrice geht es gleich weiter: In einer halben Stunde hat er eine Life-Session. Ein Interviewtermin folgt in letzter Zeit auf den anderen. Aber wir sind noch nicht weg, da überlegt er schon, dass er die Live-Session nicht alleine spielen will, sondern gerne ein bisschen Begleitung hätte. „Can I add someone to the Life Session?“, fragt er den Manager. Und ja, er konnte. Energie und Ideen scheinen Patrice - zumindest vorerst - nicht auszugehen.