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"Keep calm and call Lenin" - Monstration 2013

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Politik

Nowosibirsk, mit  etwa  1,5 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt Russlands, ist nicht gerade das, was man eine Kulturmetropole nennt. Neun Monate Winter im Jahr und die Abgeschiedenheit – 3000 Kilometer sind es bis nach Moskau, 5000 an die Ostgrenze der Europäischen Union –  erzeugen ein meist eher tristes Flair. Doch einmal im Jahr, am 1. Mai, verwandelt  sich die Stadt.

Der sonst graue Kalininplatz ist heute bunt: Die Monstranten, die sich hier versammeln, tragen Kostüme und selbstbemalte Plakate, die sie in die Kameras zahlreicher Fotografen halten. Die Stimmung erinnert an Straßenfest, Karneval, Demo und ein bisschen auch an letzter Schultag vor den Ferien. „Put a banana in your ear", „Keep calm and call Lenin" – Die meisten Slogans sind absurde Wortspiele, oft nur den Eingeweihten verständlich. „Guter Asphalt liegt nicht auf der Straße fand ich besonders gut", erzählt Mascha Kiseljowa, die zusammen mit ihrem Freund Artjom Loskutow die diesjährige Monstration organisiert hat. „Das ist eine Anspielung auf die Proteste in Moskau vor einem Jahr: Die Menschen nahmen Asphalt von der Straße und benutzten ihn als Wurfgeschoss".

Kurz nach der Wiederwahl Putins vor neun Jahren organisierte Artjom zusammen mit Freunden und Künstlern die erste Monstration. Bis dahin gab es am 1. Mai nur traditionelle Paraden, Relikte aus Sowjetzeiten, an denen verschiedene Oppositionsparteien teilnahmen. „Jedes Jahr haben sie dieselben Parolen, die am 2. Mai schon vergessen sind", sagt Artjom. „Das ist ein absurdes Ritual, kein politischer Dialog". 2004 liefen etwa 70 Monstranten als Teil der offiziellen Parade irgendwo zwischen Kommunisten und National-Bolschewisten und verkündeten „Ich habe krokodiliert, ich krokodiliere und ich werde krokodilieren".

"Wir sind Einen Schritt nach vorn und zwei Schritte zurück Gegangen"

Heute sind es zwischen 2000 und 4000 Menschen, die das „Rote Prospekt" entlang in Richtung Leninplatz laufen. Nach dem langen Winter ist die Fahrbahn von Schlaglöchern und Rissen übersät. Guter Asphalt liegt tatsächlich nicht auf der Straße. Sprechchöre verkünden Frohes Neujahr! oder Babushka! wenn eine Oma aus einem geöffneten Fenster schaut.  Mehrmals hält der ganze Zug an und  die Plakatträger und Kostümierten posieren vor den Kameras, als wären sie Schauspieler auf einem Filmdreh. An der Spitze laufen Mascha und Artjom mit einem orangefarbenen Banner. „Auf geht`s in eine dunkle Vergangenheit" steht darauf in silbernen Buchstaben. „Eine Parodie auf die Slogans aus sowjetischen Zeiten, als es nur eine strahlende Zukunft gab", erklärt Mascha. „Das ist unser Kommentar zu dem, was im Laufe des letzten Jahres passiert ist", ergänzt Artjom. „Wir sind einen Schritt nach vorn und zwei Schritte zurück gegangen". 

Im Winter 2011 fanden in Russland die größten Proteste seit Zusammenbruch der Sowjetunion statt. Zehntausende Menschen protestierten gegen Wahlfälschungen und die Wiederwahl Putins, viele auch mit verschlüsselten, absurden Bannern. "Oft wurden diese Demos mit der Monstration verglichen", erzählt Artjom. „Wir haben künstlerische Mittel ausgetestet, die zu einer Form des politischen Protestes wurden. Das ist ein gutes Ergebnis."

Nach den Massenprotesten wurde das Versammlungsrecht eingeschränkt, Geldstrafen erhöht, Gesetze zur stärkeren Zensur des Internets und der Kontrolle von NGOs verabschiedet. Viele politische Aktivisten wurden festgenommen. Ein großes Banner ist Alexej Gaskarow gewidmet, der verhaftet wurde, nachdem er am 6. Mai 2012 gegen die Wiederwahl Putins demonstriert hatte. 

Artjom war selbst schon im Gefängnis: 2009 nahm ihn das für Terrorismus- und Extremismusbekämpfung zuständige „Zentrum E" wegen angeblichen Drogenbesitzes fest, 2010 wurde er wegen vermeintlichen Widerstands gegen die Staatsgewalt verhaftet. „Sie wollten, dass ich kooperiere", erzählt er. „Sie sind zu meiner Uni und zu meiner Familie gegangen und haben von satanistischen Aktionen mit toten Katzen erzählt." Einmal seien Mascha und er von Unbekannten zusammengeschlagen worden. Angst habe er trotzdem nicht, sagt er, „ich habe Twitter."

Die Stadt in der wir leben wollen

Artjom veröffentlicht seinen Dialog mit den Behörden über seinen Blog kissmybabushka.com. „Keine schlechte Werbung“, erklärt er. Tatsächlich ist die Monstration inzwischen ein in den russischen Medien viel diskutiertes Thema. 2010 erhielt Artjom den „Innowazija"-Preis des Kulturministeriums für das beste regionale Projekt im Bereich der Gegenwartskunst. Und inzwischen wird  nicht nur in Nowosibirsk, sondern in über 15 russischen Städten monstriert, sogar in Moskau und Sankt Petersburg. „Vielleicht sind das einfach die Regeln des Marktes", meint Artjom. Regeln, die der 26-jährige vermutlich besser kennt, als die Generation, der die meisten Beamten angehören. Genau wie das Internet.

Die Monstration endet an einer Straßenecke. Artjoms Antrag, zum zentralen Leninplatz zu laufen, wurde abgelehnt. Der Zugang  ist von einer Polizeikette versperrt. „Man behandelt uns nicht wie Teilnehmer eines Straßenfests, sondern wie kriminelle Extremisten“, meint Artjom. Die Monstration löst sich unspektakulär auf, schon nach einer halben Stunde hat die Polizei aufgeräumt. Die Stadt ist wieder grau und schläfrig, als wäre nie etwas passiert.

Genau wie vor 10 Jahren ist Putin immer noch - wieder an der Macht. Das Internet aber ist voll von Bildern, die nicht nur in ganz Russland gesehen werden. Bunte Menschen und Plakate vor sibirisch-grauem Hintergrund – das Motiv wirkt gut, vielleicht auf den Fotos sogar besser, als in der Realität. „Die Publikation ist ein wichtiger Teil der Monstration", sagt Artjom. Aber das Wichtigste sind für ihn nicht die Fotos. „Alle anderen Tage im Jahr wollen viele von uns Nowosibirsk verlassen. Am 1. Mai machen wir es zu der Stadt, in der wir leben wollen."