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Happiness-Apps: Antwort auf meine Millennial-Misere?

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Translation by:

Sarah Kieweg

ExperienceDigital

Ja, ich habe einen Hang zum Zynismus. Doch die jüngsten Ereignisse in meinem Leben waren eine ziemliche Zerreißprobe für mein allgemeines Wohlbefinden. Nun möchte ich also lernen, wie ich die Kontrolle zurückerlangen kann, wenn mich mal wieder das Leben überwältigt. Wie es wohl jeder echte Millennial tun würde, fragte ich mich also: Kann mein Smartphone mir dabei helfen?

Alles begann letztes Jahr an einem kühlen Februarmorgen. Ich besuchte eine Freundin in den Niederlanden an ihrem letzten Abend vor ihrer Abreise und fand mich am nächsten Tag alleine in ihrer früheren Küche wieder. Während sie bereits auf dem Rückweg nach Italien war, trank ich eine Tasse Tee mit ihrem Mitbewohner. Eine dicke Schicht betretener Stimmung lag über uns wie der Nebel draußen auf der Straße, also versuchte ich mich im Smalltalk und fragte Pascal gespielt lässig, was er denn in seinem Leben so mache. Er erzählte mir, dass er kognitive Psychologie studierte, und betonte stolz, dass er an einem vielversprechenden Projekt dran sei. Eine Idee, auf die er seit mehr als zwei Jahren hinarbeitete: Er wollte Selbstoptimierung in ein Videospiel verwandeln. Das Projekt ließ meine Ohren spitzen, doch da ich einen Zug bekommen musste, legte ich diese vielversprechende Konversation in meiner „Coole Leute, die ich mal getroffen habe“-Schublade ab und dachte nicht mehr viel darüber nach. Bis jetzt.

Ein Jahr vorgespult befinde ich mich in einer brenzligen Phase. Einige kürzliche Ereignisse zeigten mir, dass ich mein Leben immer noch nicht so richtig auf die Reihe kriege. Und mir wurde klar, dass einiges an Veränderung anstand. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass Pascals Name in einem nebensächlichen Gespräch mit meiner alten Freundin aufkam, und so entschied ich, ihm zu schreiben, um ein paar Tipps für meine Situation zu bekommen.

Pascal spricht nicht nur mehr als überzeugend, er scheint generell gerade ziemlich auf der Überholspur unterwegs zu sein. Er erzählt mir von seinem kürzlichen Launch des ersten Videospiel-Prototypen, um den Sinn seines Projekts besser zu veranschaulichen. Außerdem empfiehlt er mir, zwei andere Apps mit ähnlichen Zielen, worauf meine Millennial-Antennen gleich anspringen.

Wie die meisten Menschen aus meinem Umfeld, habe auch ich meine Schwierigkeiten, in diesem Erwachsenenleben Glück und Erfüllung zu finden. Mein Handy ist wohl das essentiellste Tool, das mir dabei hilft, durch dieses Labyrinth aus Verantwortlichkeiten, Terminen, „How-To…“-Fragen etc. zu navigieren. Könnte es mir also vielleicht auch dabei helfen, ein besserer und glücklicherer Mensch zu werden? Meine Neugierde überwog die Zweifel. Pascal schlug mir vor, Happify und The Fabulous zu testen, zwei bekannte Happiness-Apps. So begab ich mich auf eine einmonatige Reise, loggte mich täglich ein, tat alles, was diese Apps von mir verlangten und protokollierte den Prozess.

Wenn du von deinem Handy erinnert wirst, dein Handy wegzulegen

Es gibt tausende Apps, die sich auf verschiedenste Aspekte der Selbstoptimierung gestürzt haben: Meditations-App, Kalorienzähler, Schlaf-Tracker und so weiter. Auch wenn keine klaren Zahlen dazu zu finden sind, so scheint die mobile Selbsthilfe weltweit in einen riesigen Trend auszuarten. Besonders erfolgreich war bisher das „Mindfulness”-Phänomen: Apps, die dir den Zugang zu Meditation erleichtern. Einige der berühmtesten Apps, wie z.B. Headspace, wurden 2017 bis zu 11 Millionen Mal heruntergeladen.

Laut Ib Ravn, Koordinator des Masterprogramms für positive Psychologie an der Universität Aarhus, ist unsere Generation tatsächlich sehr anfällig für Sorgen rund um das „Erwachsensein“: „Die Geschwindigkeit des Lebens hat sich gesteigert und die verfügbaren Möglichkeiten für junge Leute sind gewachsen. Es könnte als Freiheit verstanden werden, doch manchmal verwandelt sich diese vermeintliche Freiheit in Selbstvorwürfe, Zweifel und Druck, die richtige Entscheidung zu treffen.“ Das kann ich nur vollends bestätigen. Durch eine Welt voller Chancen und doch ohne jeden Richtungsweiser zu navigieren, beschert zumindest mir eine gehörige Portion Stress.

Ich begann mit The Fabulous. The Fabulous startete 2015 mit der Idee durch, dass wir unsere Produktivität steigern könnten, indem wir nützliche Gewohnheiten entwickeln. Es ist eine farbenfrohe und gut designte App mit hoher Userfreundlichkeit. Der Prozess der Gewohnheits-Entwicklung beginnt subtil: Zuerst wirst du aufgefordert, für drei Tage in Folge am Morgen zuallererst ein Glas Wasser zu trinken, dann für weitere drei Tage ein gesundes Frühstück einzunehmen (und dabei die vorige Challenge aufrecht zu halten), und dann für 10-15 Minuten täglich Sport zu machen. Nach 19 Tagen solltest du dann fixe Morgen-, Nachmittags- und Abendrituale haben, die von Meditation bis zu produktiver Arbeit und gesunder Ernährung alles abdecken.

Doch Zweifel begleiteten mich von Anfang an: Würde ich wirklich produktiver sein, indem ich mein Handy benutzte? Wenn ich eine Liste der Dinge erstellen müsste, die mir im Leben Sorge bereiten, dann wäre mein Smartphone wohl ganz oben auf dieser Liste. Du kannst nicht mit ihm aber auch nicht ohne es leben. Der Gedanke an all die Stunden, die ich verschwendet habe, mich vom Lernen abgelenkt habe, meine Social Media-Aktivität mit der von meinen Geek-Freunden verglichen habe, macht mir Gänsehaut.

Kevin Chu macht digitales Marketing bei The Fabulous und bestätigt meine Sorgen: „Viele der aufsteigenden, gigantischen Start-Ups wollen, dass eure Augen ständig am Phone haften bleiben. Aber falls du es schon bemerkt hast, wenn wir [The Fabulous] etwas von dir verlangen, dann ist es, das Handy wegzulegen.“ Er erklärt mir, dass es neben den kleinen Schritten auch darum geht, dein Umfeld zu verändern: „Diese Gewohnheiten greifen nicht in deine eigentliche Routine ein.“ Es geht also nur um Integration.

Ich muss sagen, dass mir diese App im Großen und Ganzen viel Spaß bereitet hat. Wenn es etwas gibt, dass mir beim Meistern der Kunst des Erwachsenseins weiterhelfen könnte, dann ist das Struktur. Das bietet The Fabulous. Vor einigen Wochen erwachte ich nach einer durchzechten Nacht. Es war nicht der schlimmste Hangover aller Zeiten, aber mein Kopf brummte, ich fühlte mich gerädert, ekelig und allgemein in einer schlimmen mentalen Verfassung. Während die Punkte auf meiner To-Do-Liste sekündlich mehr wurden, wollte ich einfach nur im Bett bleiben und mich den ganzen Tag in meinem Elend suhlen. Ich griff nach meinem Phone und begann durch Instagram-Stories zu scrollen.

Die Erinnerung von The Fabulous ploppte auf und wies mich an, Wasser zu trinken, 10 Minuten Bewegung zu machen und ein gesundes Frühstück zu essen. Würg. Ich stand an der Weggabelung: Faulenzen oder nicht faulenzen? In den Park gehen oder im warmen Bett bleiben, das mich vor der Härte dieser Welt da draußen beschützen würde? Schlussendlich ging ich spazieren, aß ein nährstoffreiches Frühstück und - damit überraschte ich mich selbst - schaffte es sogar noch, den ganzen Nachmittag zu arbeiten. Wenn das mal nicht reif ist, dann weiß ich auch nicht…

Und doch passten manche Dinge so gar nicht zu meinem Lifestyle. Es gab viel zu wenige vegetarische Optionen in den täglichen Rezeptvorschlägen von The Fabulous. Und ich wurde angewiesen, täglich meine Eltern anzurufen. Du merkst, dass du es zu verkrampft angehst, wenn deine eigene Mutter den Kontakt zu dir abbricht und du kiloweise Tofu zuhause stapelst, um das ganze gegrillte Hühnchen zu ersetzen, das du essen solltest. Kevin sagt, das Team arbeitet daran, die App noch mehr zu individualisieren und gesteht: „Es gibt kein Einheitsrezept für die Ausbildung von Gewohnheiten.“ Was du nicht sagst.

Einmal Glück zum Mitnehmen, bitte!

Und dann ist da noch Happify. Zuerst möchte die App dein Glücks-Level aufgrund einiger Fragen bestimmen. Sozialleben, Gesundheit und deine Art, mit Emotionen umzugehen. Daraufhin schlägt die App ein Programm vor. Ich wähle “Überwinde deine negativen Gedanken“. Was dann folgt, ist ein Haufen Aufgaben, die dich darin trainieren sollen, fünf essentielle Skills zu entwickeln: Genießen, Danken, Aufstreben, Geben, Empathie zeigen. Glücklichsein kann man also trainieren? Na dann mal los!

Nach einigen Wochen begriff ich intuitiv, wie mich manche der vorgeschlagenen Aktivitäten „happifizieren“ wollten, wie beispielsweise die, einer wichtigen Person in meinem Leben ein Kompliment zu machen oder mich zu fragen: „Wenn du jede Emotion erleben könntest, welche wäre es?“ Die App forderte mich dadurch heraus, mich in dieses Mindset zu versetzen. Das war eine ziemliche Offenbarung: Moment, ich kann das fühlen, was ich gerne fühlen würde? Das ist ja fast so, als hätte ich so etwas wie Kontrolle über meine Emotionen! Manche der Spiele wirkten jedoch etwas aufgesetzt und obwohl die Happify Website eine beachtliche Liste an Mitwirkenden und wissenschaftlichen Studien bietet, die ihre Vorgehensweise stützen, zweifelte ich an der Effektivität mancher Aktivitäten.

Professor Ravns Stimme hallte noch in meinem Kopf. Er konnte meine Zweifel in Bezug auf die Happify Games nicht unbedingt ausräumen: „Wenn ich nun also besser in diesem winzigen Detail werde, statt in dieser anderen kleinen Sache, wird das dann tatsächlich mein Leben als Ganzes verbessern?“ Meine Rede.

Offensichtlich war ich keine gute Kundschaft für die App. Mehrere Features bleiben Premium-Mitgliedern vorenthalten, die dafür zwischen 2,6 und 13 USD pro Monat bezahlen, je nach Dauer des Abonnements. Auch wenn ich froh bin, dass mir die App geholfen hat, meinen negativen Gedanken mit etwas kritischerem Geist und Distanz zu begegnen, so ist das doch nur ein kleiner Schritt. Ich begriff schnell, dass diese Apps wohl alle Schwierigkeiten haben, ihre Nutzer über längere Zeit hinweg an sich zu binden. Es ist wie wenn man als Kind ein glänzendes neues Spielzeug bekommt, das einem schon nach drei Tagen langweilig wird. Es ist ebenso leicht, sich in diese Apps zu vertiefen, wie ihrer überdrüssig zu werden. Wie also kann ich meine Motivation längerfristig halten?

Grow Playground und happy gaming

Die Antwort hatte Pascal. Seit unserer ersten Konversation hatte er einen Master am Zentrum für interdisziplinäre Studien in Paris begonnen, wo er mit einem Team von sechs Leuten endlich seine Idee in die Realität umsetzt und das Videospiel namens GrowPlayground entwickelt. Als früherer professioneller World of Warcraft und League of Legends Spieler, weiß Pascal genau, wie motivierend diese Spiele sein können.

Inspiriert von ähnlichen Projekten und Elementen der kognitiven und positiven Psychologie, kombiniert GrowPlayground ein Rollenspiel-Setting mit Wissens-Reisen und Gewohnheiten-Trainings. „Nachdem ich aufgehört hatte WoW zu spielen, fragte ich mich: ‚Ok, habe ich jetzt einfach die letzten fünf Jahre meines Lebens verschwendet oder kann ich irgendetwas Nützliches daraus mitnehmen?‘ Ich fragte mich, ob es möglich wäre, etwas zu schaffen, das Menschen direkt auf ihr Leben anwenden können“, erklärt Pascal.

Pascal hofft, mit GrowPlaygroundMenschen, die Videospiele spielen, dazu zu bewegen, gezielt Kontakte innerhalb ihres Dorfs oder ihrer Stadt zu knüpfen. Das Team hat vor einigen Monaten bereits einen ersten Prototyp geliefert. Ihr Ziel aber ist es, eine Version zu entwickeln, die über Open Source von den Usern selbst optimiert werden kann, so wie Wikipedia.

Ich bin an sich keine Gamerin und halte mich nicht unbedingt an das, was Pascal das „Wertesystem“ nennt, ein wichtiger Bestandteil der meisten Role-Playing-Games und angeblich das, was dich motiviert, bis zur Perfektion zu trainieren. Nichtsdestotrotz werde ich dem Projekt eine Chance geben, so wie ich es auch bei Happify und The Fabulous tat. Eines aber schon vorweg: GrowPlayground hat das Potential, Menschen zu erreichen, die ansonsten nicht mal einen Gedanken an Selbstoptimierung verschwenden würden. Und außerdem war es Pascals Motivation im echten Leben - damals in der Küche meiner Freundin - die mich überhaupt erst inspiriert hat, mich zu „happifizieren“.

“Was ist mit der Melancholie?“

Ich dachte immer, dass ich über zwei Dinge im Leben Gewissheit hätte: Erstens, dass ich niemand bin, dem das Glück einfach so zufliegt, und zweitens, dass die meisten Selbsthilfe-Tools auf mich keine Wirkung hätten. Prof. Ravn schaffte es, mich von beiden Überzeugungen zu befreien. Er widerlegt den Mythos, dass positive Psychologie nur der Satz „Lächle und die Welt wird zurücklächeln“ sei, doch er hinterfragt auch Menschen, die sich in Negativität hineinsteigern. „Was ist mit der Melancholie, soll man die einfach so verbannen? Ich weiß nicht, was ich anderes sagen soll als: Bist du dir sicher, dass du in dieser Stimmung sein willst oder hast du dich nur damit abgefunden, so zu sein?“

Vielleicht war ich also bisher zu faul. Vielleicht ist Glück, Produktivität und das Gefühl, über den Dingen zu stehen, einfach harte Arbeit - so wie die meisten Dinge. Vielleicht sollte ich mich viel stärker anstrengen, mein Mindset zu verändern und die Dinge auf gesündere, positivere und harmonischere Art zu sehen. Ich glaube, die Lösung liegt für mich in der Kombination von angebotener Technologie mit guten, altmodischen Motivations-Ratschlägen von Menschen, denen ich in meinem nicht-digitalen Leben begegne.

Professor Ravn beispielsweise hat sein eigenes Rezept für Zufriedenheit: „Ich finde, positive Psychologie konzentriert sich zu sehr darauf, Menschen zu helfen, ihr Leben zu verbessern. Doch es gilt einen wahren Sinn zu finden, der dein Ego und deine persönlichen Befindlichkeiten überwindet. Dieser wird dir Erfüllung verschaffen, und zwar auf eine ganz andere Art als diese ziemlich egozentrischen Techniken, die die positive Psychologie dominieren“.

Doch Technologie ist nicht per se der Buhmann und mein Smartphone ist ein wichtiges Instrument in diesem Teil meines Lebens. Wahrscheinlich werde ich The Fabulous sogar weiterhin benutzen, um den Schmerz des Erwachsenseins etwas zu lindern - wenn auch vielleicht weniger dogmatisch. Als eine Person, deren Leben von Chaos und Zufall regiert wird, ist es schon ein ziemlicher Sprung, den täglichen Gewohnheiten auf die Schliche zu kommen. Ein Gutes hatte es also in jedem Fall: Struktur in mein Leben zu bringen hat mich effizienter gemacht und definitiv meine Hangover-Tage verbessert.

Translated from Happiness apps: The solution to my millennial malaise?

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