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Grünkohlshakes mit Quinoa: immer Hunger nach Neuem?

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Lifestyle

Himbeeren sind nicht mehr hip genug, es müssen schon brasilianische Açai-Beeren sein. Auch ein hellgrüner Spirulinashake ist vielen Gesundheitsaposteln mittlerweile zu 90er, wenn man doch auch Grünkohl schlürfen kann. Und wer kocht noch Hirse, wenn es das bei Weitem exotischere Quinoa gibt?

Dem Naturkostbanausen kann es da nur schwindeln: Was kann und darf man überhaupt noch essen, ohne sofort für uncool erklärt zu werden?

Schlankmachende Rohkost, vollwertige Körner und Nahrungsergänzungsmittel für alle Lebenslagen: Seit dem Boom der Junk Food-Industrie in den 1970ern sind Reform- und Naturkost fest in der Nahrungsmittelindustrie verankert. Doch während die meisten gesundheitsbewussten Esser in den 80ern und 90ern noch überwiegend auf Joghurt, Körnerbrot und Müsli schworen, reichen derart „altmodische” Nahrungsmittel im 21. Jahrhundert nicht mehr aus. Eingeleitet wurde der Trend zu exotischeren Rezeptzutaten schon in den 80ern in Form von dunkelgrünen, sündhaft teuren Spirulina-Tabletten, die wegen ihres angeblich hohen Protein- und Aminosäurengehalts als Gesundmacher par excellence vermarktet wurden. Wissenschaftlich erwiesen war das aber schon damals nicht und dass Chlorophyll gut für die Gesundheit sei, behaupten heute nur noch wenige.

Trendfood: Von der Sojabohne zum Andenkorn Quinoa

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In den 90ern kam dann Soja in Tofu-, Wurst- und Saucenform. Der hohe Proteingehalt sollte diese ostasiatische Bohne laut Ernährungsberatern und Marketingstrategen zum „idealen Fleischersatz” machen, doch als sie im Zusammenhang mit Monokulturen in Brasilien und Argentinien in die Schlagzeilen kam, griffen umweltbewusste Vegetarier plötzlich nicht mehr automatisch zur Soja-Salami. Dazu kamen die unschmackhaften Praktiken international operierender Genfoodkonzerne wie Monsanto: Laut des GMO Compass, einer Initiative unabhängiger EU-Wissenschaftsjournalisten, waren im Jahr 2009 mindestens 77% der weltweit angebauten Sojabohnen gentechnisch verändert. Für viele gesundheitsbewusste Esser ein Grund mehr, die Bohne in ihren tausend Formen vom täglichen Menü zu streichen.

Auch im neuen Jahrtausend ließ der Hunger nach Neuem nicht nach, sondern ersetzte Algen und Soja durch noch exotischere Nahrungsmittel: Besonders die südamerikanische „Andenfrucht” Quinoa, die wie auch Amarant zu den Fuchsschwanzgewächsen zählt, ist seit 2006 in aller Munde. Kaum ein gesundheits- und ernährungsbewusster Esser schrieb sich diese weißlich-braunen Körnchen in den letzten Jahren nicht wöchentlich auf den Einkaufszettel. Ein verhältnismäßig hoher Protein- und Mineraliengehalt sollte Quinoa – wieder einmal – zum idealen Fleischersatz machen und noch dazu armen Bauern in Ecaduor und Peru zu Lohn und Brot verhelfen. Sogar die UN war von dem Ernährungsplus von Quinoa so überzeugt, dass sie 2013 zum „Internationalen Quinoa-Jahr” ausrief.

Was ist „gutes Essen“ – für Gesundheit und Weltwirtschaft?

Der explodierende Quinoapreis kommt  weniger den Andenbauern als internationalen Nahrungsmittel-konzernen zugute .

Ob Quinoa dabei wirklich derart Magisches für die menschliche Gesundheit leisten kann, ist – wie schon im Falle von Spirulina und Co. – bislang noch nicht wissenschaftlich erwiesen. Fest steht aber, dass sich der Quinoapreis seit 2006 vervielfacht hat, was weniger den Andenbauern als internationalen Nahrungsmittelkonzernen in die Tasche wirtschaftet. Ein dementsprechender Artikel in der englischen ZeitungThe Guardian zu Beginn dieses Jahres, in dem die Autorin etwas vorschnell den südamerikanischen Quinoakollaps mit dem ökologischen und geopolitischen Fußabdruck von Veganern in Zusammenhang brachte, führte zu einer mehr als tausend Kommentaren umfassenden Debatte, in der sich aufgeregte Vegetarier, Quinoa-Hasser und Anti-Veganer gegenseitig die Schuld an der Misere in die Schuhe schoben. Der Zusammenhang von Marketingstrategien, Landwirtschaft in Entwicklungsländern und CO² macht Quinoa nicht plötzlich ungesund und Veganer zu Neo-Kolonialisten, die Frage danach, was „gesunde Ernährung” eigentlich ausmacht, aber umso komplizierter.

Ob ihr die Explosion des Quinoapreises auf dem Weltmarkt zugute kommt, ist fraglich.

Geheimrezept: regionale und saisonale Küche

Vollkornbrot und Kräutertee? Klingt uncool, ist aber gesund und auf Dauer weniger strapaziös für die Umwelt.

Denn was im internationalen Gesundheits-Sprech einmal health food war, reicht vielen Essern mittlerweile nicht mehr aus. Wenn schon, dann muss das neue Nahrungsmittel mindestens ein Superfood sein. Dieser Begriff ist mittlerweile verständlicherweise so in Verruf geraten, dass es in der EU seit Juli 2007 verboten ist, ein Nahrungsmittel als Superfood zu vermarkten, wenn keine eindeutigen wissenschaftlichen Studien über die jeweilige aussergewöhnliche, gesundheitsfördernde Wirkung vorliegen. Aber wie isst man einfach nur „gesund“, ohne sich an Superfood-Trends zu orientieren und jeden Monat eine neue exotische Entdeckung, von Açai-Beeren bis hin zu Granatäpfeln, in sein Küchenrepertoire aufzunehmen? Das Geheimrezept ist so geheim nicht: Regional einkaufen, saisonal kochen, abwechslungsreich essen. Himbeeren im Winter sind damit tabu und Açai-Beeren in rauen Mengen auch. Vollkornbrot, Kräutertee und Molasse mögen uncool klingen, sind aber auf jeden Fall gesund und auf Dauer weniger strapaziös für die Umwelt.

Das heißt aber natürlich auch nicht, dass Quinoa-Liebhaber vollkommen auf die bitteren Sämlein verzichten müssen. Sie sollten nur eben nicht in jeder Suppe, jedem Auflauf oder Salat stecken. Der neue Trend zu Grünkohl in Shakes, Aufläufen und Fingerfood kann – von Marketinghysterie und Gesundheitsmärchen einmal abgesehen – vielleicht sogar als Schritt in die richtige Richtung gewertet werden, denn ein noch traditionelleres zentraleuropäisches Gemüse gibt es wohl kaum. Unsere Großmütter kann das nur freuen.

Illustrationen: Teaser: (cc)d3n3v3r/Flickr (Tumblr); im Text: (cc) Brett L./Flickr und (cc)Bioversity International/Flickr