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Festivals im #metoo-Modus: Zwischen Muss und Mogelpackung

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Lisa Braamt

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Der #metoo-Funke ist in der Sommersaison auch auf Musikfestivals in ganz Europa übergesprungen. Denn Frauen sind in den Festival Line-ups immer noch unterrepräsentiert. Und nach wie vor gibt es Mädels, die sich auf Festivals nicht sicher fühlen. Wir haben uns auf dem letzten Primavera in Barcelona umgehört.

„Wie ist denn Ihre Meinung zur aktuellen #metoo-Kampagne?“, fällt einer der Journalisten direkt mit der Tür ins Haus. Vor ihm sitzt das französische Frauenpower-Duo aus Charlotte Gainsbourg und Jane Birkin, die dieses Jahr zum ersten Mal gemeinsam bei einem Festival in Barcelona auftreten. Das 17. Primavera Sound, das sich seit 2001 in der katalanischen Metropole etablieren konnte, hat sich dieses Jahr allem voran das Thema Frauen auf die Fahnen und Flyer geschrieben.

„Sicher, dass Sie damit anfangen wollen?“ entgegnet Charlotte Gainsbourg. Es folgt ein kurzes Statement von Mutter und Tochter, dass sie trotz aller Relevanz des Themas gerne vor allem über ihre Musik und Kunst sprechen wollen. Die Thematik verlange sicher nach einer tieferen Auseinandersetzung. Es gäbe so viele Aspekte des Ganzen. Wichtig wäre allerdings, dass das grundlegend Wichtige nicht in eine Zwangsdebatte abdriftet, die vielen Involvierten Schaden zufügen könne. Nach einigen Sätzen zur Sache geht man zum nächsten Punkt über. Killt zuviel #metoo die #metoo-Debatte?

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Jane Birkin und Charlotte Gainsbourg auf dem Primavera/ ©Paco Amate

Der Kampf ist reell

Klar ist, Kultur-Events kommen 2018 nicht um die Sexismus-Debatte herum. Der Elefant steht spätestens seit der Weinstein-Affäre im Raum. Deshalb sollte man ihn auch sehen und hören können. Das konnte man zunächst an zahlreichen Filmfestivals wie in Cannes oder auf der [Berlinale]https://cafebabel.com/de/article/nobodys-doll-metoo-zu-gast-auf-der-berlinale-5ae00c0bf723b35a145e831f/ Anfang des Jahres beobachten, auf denen Frauen und Männer der Branche immer wieder mit speziellen Aktionen, Dress Codes und schwingenden Reden auf ihre Kondition aufmerksam machten. Nun ist der #metoo-Funke auch auf Musikfestivals in ganz Europa übergesprungen. Das Primavera Sound ist ein junges Festival, das seit seinem Beginn eine Brücke zwischen den Generationen schlägt. Das merkt man an Künstlern wie Publikum. Die Bedeutung der Gleichstellung von Frauen in der Welt der Kunst konnte hier nicht außen vorgelassen werden. Nicht in diesem Jahr.

Und nicht nur das Primavera setzt sich für mehr Frauenpower in der Musikbranche ein. Überall werden Rufe nach einer Frauenquote in der Kulturbranche lauter. So forderte beispielsweise die britische Keychange-Kampagne bis zum Jahr 2022 50 Prozent weibliche Acts in allen Line-ups. Über 100 Festivals in Europa, den USA und Kanada waren dem Aufruf gefolgt. Auch Lily Allen machte in einem einzigen Tweet die ganze Tragweite der Debatte deutlich. Auf einem Plakat hatte sie alle männlichen Acts im Line-up des Londoner Wireless Festivals gestrichen und ihren Frust mit wenigen Worten auf den Punkt gebracht: The struggle is real.

Noble Sache, könnte man meinen. Aber insbesondere die bekanntesten Festivals ignorierten die Londoner Initiative bisher. Für einige Künstlerinnen wird das Phänomen auch medial überstrapaziert. Das meint auch die irisch-katalanische Sängerin Nuria Graham, die dieses Jahr beim Primavera auftrat. „Ich bin Anfang zwanzig und denke, in meiner Generation ist bereits vieles anders als in den Generationen vor mir. Es gibt einen Umbruch in Bezug auf die Gleichheit der Geschlechter. Dennoch finde ich es immer noch notwendig, Feministin zu sein. Die Diskussion um Gleichstellung bedarf eines grundsätzlichen und wirklichen Dialogs in allen Bereichen. Das sollte die aktuelle Debatte im besten Fall erreichen, aber dafür darf sie nicht zur Werbeaktion verkommen.“

Barcelona, No callem

„We won’t keep quiet“ beziehungsweise katalanisch „No callem“ lautet zudem eine kürzlich von der Stadt Barcelona gegründete Initiative, die in Clubs und auf Festivals der Stadt Präventionsarbeit gegen sexuelle Belästigung leisten soll. Unterstützt wird die Arbeit unter anderem von Ada Colau. Sie ist Barcelonas Bürgermeisterin und Ex-Aktivistin der Bewegung des 15.Mai, dem Pendant zum Occupy-Movement. Neben dem Primavera Sound arbeiten noch zwei andere große Festivals der Stadt mit ‚No callem‘ zusammen; Sónar und Cruilla. Etliche bekannte Clubs wie Sala Apolo oder Razzmatazz sitzen ebenfalls mit im Boot. Auf dem Primavera Sound erschien auf den großen Videoleinwänden der Bühnen regelmäßig ein Hinweis auf die Kampagne.

Wie viel Aufmerksamkeit diese Info trotz überdimensionaler Sichtbarkeit erhielt, ist jedoch eher schwer zu sagen. Im Eingangsbereich gab es einen Infostand. Hier und auf dem Festivalgelände wurde über die Aktion informiert, aber auch konkrete Hilfe angeboten. Auf die Nachfrage hin, wie frequentiert die Helferinnen zu Rate gezogen wurden, bleibt die Antwort aber zurückhaltend. Man habe zu tun gehabt, aber auch nicht zu viel. „Es gab jetzt keine wirklich schlimmen Vorfälle.“ Also ‚,nur‘’ verbale Belästigungen? „Nein, alles. Keine grobe Gewalt aber.“ Die Tatsache, dass selbst Helferinnen einer Initiative gegen sexuelle Belästigung körperliche Übergriffe immer noch als Bagatelle sehen, zeigt, weshalb eine Aufmerksamkeitsdebatte zum Thema mehr als überfällig war. „We won’t keep quiet“ ist so lange relevant, bis keine Frau mehr über sexuelle Belästigungen zu berichten hat.

Alle Mitarbeiter des Festivals waren über die Kampagne informiert und wurden ebenso wie die Besucher gebeten, Vorkommnisse nicht zu ignorieren sondern zu melden. „Women have power“ lautete folglich auch das Credo des Primavera Award 2018, der seit 4 Jahren an in der Musikbranche aktive Personen verliehen wird. Dieses Jahr ging er an MIM, kurz für Mujeres de la Industria de la musica - „Frauen in der Musikindustrie“. Der spanische Verband wurde 2016 gegründet, also noch im Jahr vor der großen #metoo-Welle. In Folge mehrerer Treffen Professioneller der spanischen Musikbranche merkte man ziemlich schnell, dass es einer Plattform bedurfte, die Frauen in einer nach wie vor von Männern dominierten Domäne weiter voranbringt.

MIM bietet Trainings an, erstellt Studien und Präsentationen, ruft Gemeinschaftsaktionen ins Leben. Es geht darum, klarzustellen, dass Frauen in der Musik nicht nur Objekte der Begierde sind oder Zeilen männlicher Songtexte. In der Musikbranche gibt es heutzutage, wie in den meisten Bereichen unserer Gesellschaft, kaum weibliche Management- und Führungskräfte. Noch weniger Frauen findet man im Produktionsbereich. „Die Arbeit von MIM besteht nicht darin, sich nur über die Situation der Ungleichheit zu beschweren und sie anzuprangern. Man widmet sich aktiver Arbeit, versucht Projekte durchzusetzen, die von Frauen geleitet werden.

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Warpaint auf dem Primavera/ ©Paco Amate

MIM arbeitet daran, mehr Frauen in die Musikwelt zu integrieren, nicht nur auf den Bühnen sondern in allen Bereichen. „Das betrifft vor allem auch die bisher am wenigsten für Frauen zugänglichen Felder wie Technik und Programmierung’’, berichtet Almudena Heredero, Leiterin des für den Award zuständigen Primavera Pro-Bereichs. MIM will solange aktiv bleiben, bis Frauen gleiche Chancen, gleichen Zugang, gleiche Behandlung und Gehälter bekommen. „Wir sehen den Primavera Award als eine Hommage an all die Jahre Arbeit vieler Frauen in der Musikindustrie. Frauen, die sich oft in der Männerdomäne isoliert fühlen, lange für Gleichberechtigung gekämpft haben und dies immer noch tun müssen“, so die Worte der MIM Vorsitzenden Carmen Zapata zur Preisverleihung.

Es scheint also selbst auf so offenen, friedlichen und den Frauen wohlgesonnen Festivals wie dem Primavera Sound noch ein weiter Weg, bis alle mehr oder weniger gleichauf liegen. Ein flüchtiger Blick auf die Künstler des Festivals ließe zunächst vermuten, dass sich hier Frauen und Männer zu gleichen Anteilen finden. Macht man sich doch die Mühe, eine Strichliste zu führen, ist nach einiger Zeit in der Männer-Spalte kein Platz mehr - die der Frauen bleibt überschaubar. Aber zumindest wurden Zeichen gesetzt.

Die Frauen waren aber auch 2018 zahlenmäßig in der Unterzahl, in puncto Präsenz und Relevanz standen sie aber keineswegs hinten an. Björk und Lorde waren Festival Headliner, Jane Birkin und Charlotte Gainsbourg inoffizielle Special Guests. Und reine Frauenbands wie Warpaint oder Haim zeigen, dass Frauen von Bass bis Schlagzeug Männern in nichts nachstehen. Die drei kalifornischen Schwestern der Band Haim sind ein beliebter Act des Primavera Sound und mit ihrer Musik und Performance genau das, wofür das Festival in diesem Jahr stand - Sisterhood, Solidarität, Schlagkraft.

Ironischerweise fanden sich unter den Künstlern auch die von Männern besetzte und gleichnamige Band The Men, sowie die Band Mujeres, übersetzt 'Frauen' - eine rein männlich besetzte Kombo aus Barcelona. Auch hier wird deutlich, dass selbst hinter dem Label 'Frau' oft noch Männer stehen.

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