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Die Marke Hitler

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„Der Untergang“, die Verfilmung der letzten Tage Hitlers im Berliner Führerbunker, polarisert. Und macht europaweit Kasse.

Adolf Hitler erobert derzeit die Kinosäle. 4,2 Millionen Zuschauer in Deutschland, 750.000 Zuschauer in Frankreich, Einstieg auf Platz 2 der niederländischen Kinocharts: „Der Untergang“, ein Film, der die letzten Tage Hitlers im Berliner Führerbunker detailgetreu auf Zelluloid gebannt hat, ist in Europa ein Kassenschlager. Hitler einmal hautnah zu erleben, das wollen sich weder Deutsche, Franzosen noch Polen entgehen lassen.

“Nationalistische Selbstfindung“

Das kann Bernd Eichinger, Chef der verantwortlichen Produktionsfirma „Constantin“, nur Recht sein. Er ist vom aufklärerischen Gehalt seines Werkes überzeugt. Man habe die „noch immer notwendige Aufarbeitung“ der deutschen Geschichte nicht Hollywood überlassen wollen, erklärte er zum Filmstart in Deutschland. Doch die Mehrzahl der deutschen Medien wollte ihm das nicht abkaufen. Die Deutschen seien in dem Film nur als Opfer, nicht mehr als Täter zu sehen, Eichingers Film betreibe Geschichtsklitterung, so der Vorwurf.

Dieses Argument wurde im restlichen Europa bereitwillig aufgenommen. In Frankreich widmete die linke „Libération“ dem Thema sogar eine ganze Doppelseite. Hitler-Darsteller Bruno Ganz spiele mit dem Elan einer „Klobürste“ hieß es dort, und es wurde gemutmaßt, ob die Deutschen denn nun endgültig genug davon hätten, immer nur als Täter dazustehen. „Le Monde“ schlug in dieselbe Kerbe. Moniert wurde dort vor allem die Hauptfigur Traudl Junge, Hitlers letzte Sekretärin. Sie sei zu naiv und gutgläubig und es solle wohl suggeriert werden, dass die Deutschen unwissend in ihr Verderben gelaufen seien.

Auf der anderen Seite des Ärmelkanals überwog ebenfalls die Skepsis. Zwar läuft der Film in England erst am 25. März an, aber Robert Boyes, Berlin-Korrespondent der Times, kritisierte schon vorab, dass nicht klar genug zum Ausdruck gebracht werde, wer Kriegsopfer und wer Kriegsverbrecher gewesen sei. Und Hitler-Biograph Ian Kershaw bemängelte, dass „Der Untergang“ kaum dazu beitrage, Hitler besser zu verstehen. Ähnlich reagierte man in Polen. Witold Kulesza, Chef des „Instituts für Nationales Gedächtnis“ mahnte, mit dem Film beginne in Deutschland die Phase der „nationalistischen Selbstfindung“.

Aber es gab auch positive Reaktionen. Alfred Grosser, der deutsch-französische Intellektuelle par excellence, nannte den Film „bemerkenswert und sehr pädagogisch“. Und der Historiker Simon Sebag Montefiore vertrat im Gegensatz zu seinem Kollegen Kershaw in der „Daily Mail“ die Meinung, der Film zeichne ein realistisches Bild der Tyrannei.

Nazi-Popkultur

Auch der Luxemburger Tim (25), der seit fünf Jahren in München studiert, wundert sich über die Aufregung. In seiner Heimat wurde der Film parallel mit einer Dokumentation über die Besetzung Luxemburgs durch die Nazis gezeigt. Der Skandal blieb aber aus. „Der Film zeigt ganz klar, dass der Untergang der Nazis verdient war. Man sieht den Wahnsinn Hitlers und seiner Helfer“ sagt Tim und fügt hinzu: „Es ist wichtig, so einen Film zu machen.“

Ganz anders dagegen Zuzanna aus Warschau: „Für uns in Polen ist das ein Tabubruch“, denn der Film stelle Hitler als „tragische Figur, nicht als Verbrecher“ dar. Auch dass gleichzeitig in Deutschland Rechtsextreme in einzelnen Bundesländern in die Parlamente eingezogen sind, beunruhigt sie: „Offensichtlich ist Hitler heute zu einem Produkt der Pop-Kultur geworden. Aber seine Ideen sind immer noch am Leben.“

Bernd Eichinger hat jedenfalls allen Grund, sich die Hände zu reiben. „Der Untergang“ wurde in der Kategorie „Bester ausländischer Film“ soeben für die Oscars nominiert und in alle wichtigen Länder verkauft. Der Zeitpunkt für die internationale Vermarktung wurde von „Constantin“ perfekt gewählt: 2005 jährt sich zum sechzigsten Mal das Kriegsende. Da lässt sich die Marke Hitler natürlich noch besser verkaufen als sonst – europaweit.