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Die älteste Pyramide der Welt steht in... Bosnien

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Ein Hobbyarchäologe behauptet, in Bosnien Pyramiden gefunden zu haben. Wissenschaftler sagen, dass er lügt. Aber das Städtchen am Pyramidenfuß glaubt an die Geschichte - und verdient gut daran.

Amira Kilalić stellt eine Pita auf den Tisch, bindet das Kopftuch fester um die knallrot gefärbten Haare und geht hinaus. Ihr Laden im Holzhaus liegt am Berghang: Schaut sie hinunter, kann die 83-Jährige mit dem runzligen Gesicht Visoko erblicken, die Stadt am Fuß des Visočica-Berges. Dort tragen die Frauen High Heels, um Zigaretten zu holen, und die Männer sitzen schon morgens in den Cafés und Wettbüros an der Hauptstraße. Schaut sie hinauf, sieht sie die Burgruine auf der Bergkuppe.

Dorthin führte der Direktor des städtischen Heimatmuseums einen bosnischen Unternehmer, der Visoko 2005 bereiste. Sie wollten die Ruine besichtigen, damals die einzige Sehenswürdigkeit der Stadt. Als der Direktor die Symmetrie des Berges erwähnt, stutzt der Besucher, packt seinen Kompass aus, misst die Ausrichtung der Berghänge nach und ist sicher: Er steht auf einer Pyramide.

Nicht nur ein Berg in Bosnien

Jahrhundertelang war der Berg nur ein Berg, bis ihn der Hobby-Forscher 2005 zur Pyramide erklärte - der ältesten und höchsten weltweit. „Sonnenpyramide“ nannte er sie - Piramida Sunca. Die Leute in Visoko lachten, hielten ihn für verrückt. Heute sind sie stolz auf den Fund, der Ruhm und Geld gebracht hat. „So schön, dass die Pyramide gerade hier steht“, sagt Amira.

Semir Osmanagić heißt der Entdecker, der sein Geld als Sam Osmanagich mit einem Metallunternehmen in Texas verdient. Lange bereiste er die Pyramiden der Welt nur in der Freizeit - mit breitem, weißem Hut und Baumwollhemd. Seit seiner Entdeckung sei er der glücklichste Mensch der Welt, sagt der 57-Jährige. Das Unternehmen wurde zur Nebensache: Vier Mal im Jahr ist er noch in der Firma, Probleme regelt er über Skype. Dr. Osmanagić darf er sich nennen, da er 2009 an der Politik-Fakultät in Sarajevo eine Doktorarbeit über die Maya-Zivilisation schrieb.

Für Amira ist er nur „Semir“. Im Frühling 2006 begann er mit den Ausgrabungen. Mit seinen Helfern kam er dabei täglich an ihrem Holzhaus ohne Heizung und ohne Wasseranschluss vorbei. Sie schenkte ihnen Äpfel aus dem Garten und beobachtete, wie immer mehr Bosnier und Ausländer mit Wanderstiefeln und Kameras vorbeikamen. Als sie an einem sonnigen Wochenende über tausend Menschen zählt, beschließt ihr Mann, ein Café zu eröffnen. Sie bauen ein langes Holzhaus mit Lehmboden und großen Fenstern, in dem Amira nun Kaffee und selbst gemachte Pita verkauft, Wollsocken und geräucherten Käse.

Die Pyramiden schaffen Jobs, dringend notwendig in einem Land mit fast 30 Prozent Arbeitslosigkeit. Wer kann, vermietet Zimmer, verkauft Souvenirs oder verdient als Taxifahrer an den Touristen: Etwa 100 neue Übernachtungsplätze gibt es seit 2005, und Pizza in Pyramidenform. Osmanagić gründete eine Pyramiden-Stiftung, finanziert über die Einnahmen aus dem Tourismus. Die Stiftung beschäftigt 38 Menschen: Guides, Handwerker und Wächter. Osmanagić ist nicht oft da: Er hält nun weltweit Vorträge über seine Entdeckung, managt das Team in Visoko aber über E-Mail.

Der Amateur-Archäologe brachte internationale Ausgrabungstrupps und Journalisten mit. Am Pyramidenhang ließ er Steinplatten freilegen, von denen er sagt, sie seien menschengemacht. Auch der Leiter des Europäischen Archäologischen Instituts kam vorbei. Der Fund sei eine pseudowissenschaftliche Lüge, Osmanagić solle aufhören zu graben, sagt er. Aber der Hobby-Forscher lässt sich nicht abhalten und entdeckt stattdessen drei weitere, kleinere Pyramiden und einen Tunnel, von dem er glaubt, er führe unter die Sonnenpyramide. Noch aber stecken die angeblichen Gänge voller Gestein.

Den begehbaren Teil des Tunnels besuchen jährlich etwa 45.000 Touristen. „Wir erleben hier Wunder: Die hochionisierte Luft im Tunnel, die besondere Wasserqualität und die Schwingungen wirken sich positiv auf den Menschen aus“, sagt Osmanagić über Skype. Zehn Euro kostet der Eintritt für Ausländer, Tunnelwasser gibt es in 100-Milliliter Glasfläschchen, zehn Euro pro Flasche.

Pilgerstätte für Esoteriker

Regelmäßig stellt die Stiftung neue Videos von Menschen online, die erzählen, der Tunnel habe sie geheilt: Herbert aus Belgien kann besser sehen, und Andreas aus Wien glaubt, seinen Prostatakrebs geheilt zu haben. „Im Juli war ich hier, habe Tunnelwasser mitgenommen und regelmäßig getrunken. Im Oktober kam raus: Ich bin tumorfrei“, sagt er. Eine Garantie gibt Osmanagić nicht.

In Amiras Café kommen seitdem immer mehr Esoteriker. Ihr ist das egal, unterhalten kann sie sich sowieso nicht mit ihnen: Sie spricht keine Fremdsprachen. Früher nannte sie den Berg hinterm Haus Visočica, nun heißt er eben Sonnenpyramide. Früher verkaufte sie den Kaffee für eine bosnische Mark, heute für 1,50.

Direkt neben ihrem Holzhaus stehen inzwischen zwei neue Luxushotels. Eines davon gehöre einem Deutschen, sagt sie. Immer mehr Ausländer kaufen in Visoko Grundstücke. Auch bei Amira hat schon jemand geklopft. 250.000 Euro wollte er zahlen für ihr Grundstück am Pyramidenhang. Amiras Sohn entschied zu warten, der Preis werde sich sicher noch verdoppeln. „500.000 Euro!“, sagt Amira. „Dann müssten wir nie mehr arbeiten.“ Vorerst verkauft sie aber weiter Kaffee.

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