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Das vergessene Srebrenica

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Default profile picture camilla gendolla

Politik

Eine Blasmusikkapelle spielt am Rand der Landstraße in Richtung bosnische Grenze und macht einen ohrenbetäubenden Lärm. Ein Roadtrip in die vergessene Geschichte von Srebrenica.

©Giacomo Rosso

Eine Familie feiert den Abschied eines Sohnes, der bald seinen Wehrdienst antritt. Musiker und Familienmitglieder kommen auf mich zu und laden mich ohne zu zögern ein, mit ihnen zu feiern. Ich setze mich und bekomme gleich einen Teller Fleisch und Wein vorgesetzt. Der Onkel sitzt neben mir und hat einen Geldschein auf der Stirn kleben: Er trinkt pausenlos und schenkt auch mir stetig neu ein, während der Vater des jungen Mannes mich immer wieder um ein Foto mit seinem Sohn bittet.

©Giacomo Rosso

Wenige Meter entfernt holt die Großmutter aus und schmettert eine Bierflasche zu Boden. Die Scherben werden vor dem Ende der Feier aufgesammelt werden: ihre Art, dem Enkel Glück zu wünschen.
„Wohin bist du denn unterwegs?“ fragt man mich. „In Richtung Süden,“ antworte ich vage. „Ich möchte mir die orthodoxen Klöster anschauen.“ Eigentlich interessiert mich aber etwas anderes, Bosnien nämlich. Fast fünfzehn Jahren nach dem Ende des Balkankrieges sind die Spannungen zwischen den zwei Ländern nach wie vor unübersehbar, aber in dieser Gegend scheint niemand über die Vergangenheit, vom Krieg sprechen zu wollen.

Bosnien ©Giacomo Rosso

Nach Bosnien einzureisen ist schwieriger als ich erwartet habe und weder Straßenkarten noch Reiseführer sind mir eine große Hilfe. Nachdem ich die Hauptstraße verlassen habe, klettere ich auf einen Hügel und erreiche endlich die Grenze. Am Straßenrand stehen zwei kleine Grenzhäuschen, und die Grenzbeamten winken mich gelangweilt durch, ohne viele Frage zu stellen.

©Giacomo Rosso

Gleich hinter der Grenze merke ich, dass sich etwas verändert hat. Die Landschaft ist ganz anders als in Serbien, hier sind an den meisten Häusern die Spuren des Krieges noch klar erkennbar. Überall sieht man Einschusslöcher, es gibt fast kein Gebäude, dessen Wände intakt sind. Viele Wohnhäuser sind wenig mehr als Berghütten. Wer ein neues Haus bauen konnte, hat es neben dem alten aufgestellt, das die serbisch-bosnische Artillerie mit Mörsern zerstört hat.

Auf der Suche nach Srebrenica/ ©Giacomo Rosso

Ich blättere nervös durch meinen Reiseführer. Ich habe mir eine neue, aktualisierte Ausgabe gekauft und bin mir sicher, dass sie mir auch sagen wird, wie ich nach Srebrenica, mein erstes Ziel, kommen werde.

©Giacomo Rosso

Die bosnische Stadt erlangte im Juli 1995 traurige Berühmtheit, als die muslimische Enklave Opfer einer brutalen ethnischen „Säuberung“ wurde. Die Milizen von General Mladić, gegen den wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein internationaler Haftbefehl erlassen wurde, drangen in die Stadt ein, die offiziell UNO-Schutzzone war und trieben alle muslimischen Männer zusammen, um sie zu erschießen. Nach offiziellen Schätzungen wurden so in weniger als zehn Tagen 7800 Männer umgebracht. Die Mladić-Milizen konnten ihre Gräueltat auch dank der ausgebliebenen Militärintervention der UNO ausführen, denn immerhin waren 450 holländische Soldaten vor Ort, um die muslimische Gemeinde zu beschützen.

©Giacomo Rosso

Trotz der Bedeutung dieses Ortes scheint Srebrenica nicht zu existieren, zumindest finde ich in keinem Reiseführer einen Hinweis darauf, wie man dorthin kommt. In der Einleitung zum Kapitel über Bosnien hier und da ein paar Sätze über Srebrenica, aber nichts über die Ursachen des Massakers und erst recht nichts über die furchtbaren Unterlassungen des UNO-Kontingents.

©Giacomo Rosso

Um ein Überbleibsel vom Massaker von Srebrenica zu finden, muss man die Stadt verlassen und auf der Hauptstraße in Richtung Süden fahren. Auf diesem Weg kommt man zwangsläufig an der Gedenkstätte für das Massaker vorbei: ein riesiger, halbfertiger Komplex, in dem die Leichen von 5000 Menschen unter einem schlichten weißen Stein begraben sind, einer neben dem anderen. Manche von ihnen wurden nie identifiziert.

©Giacomo Rosso

Knapp fünfzehn Jahre nach dem Massaker hat sich viel verändert. Die Stadt zu meinen Füßen ist eher ein Bergdorf, kaum größer als die anderen, die ich bisher hier gesehen habe. Niemand scheint sich an dieses dunkle Kapitel der Landesgeschichte erinnern zu wollen, alle scheinen es eilig zu haben, das Land wieder auf die Beine zu stellen. Die Moschee und die Koranschule wurden vor kurzem wiederaufgebaut, aber die Bauarbeiter sind noch am Werk, um die letzten Details so schnell wie möglich fertig zu stellen.

©Giacomo Rosso

Ich erfahre, dass der Wiederaufbau der beiden Gebäude weder von der EU noch von der UNO, sondern von einer iranischen Regierungsorganisation mit Namen Birds finanziert wird. Zumindest steht das auf der Gedenktafel an der Wand der Koranschule. Von einem Internetcafé in Srebrenica schreibe ich der iranischen Botschaft mehrere Emails, um weitere Informationen über die iranische Hilfe beim Wiederaufbau zu erhalten, aber ich bekomme keine Antwort.

Vergessen ©Giacomo Rosso

Als ich in Sarajevo ankomme, gehe ich gleich zur iranischen Botschaft, um mich über das, was ich in Srebrenica gesehen habe zu informieren, aber die Botschaft ist geschlossen und scheint menschenleer. Als der Sicherheitsmann zu mir kommt und bestätigt, dass die Büros der Botschaft heute geschlossen sind, ereilt mich ein Gefühl des Vergessens: alle, Opfer und Täter, scheinen allzu schnell vergessen zu wollen, was passiert ist.

[Erstveröffentlichung: 3. November 2009]

Translated from Srebrenica dimenticata

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