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„Oleg” - moderne Sklaverei in Belgien

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Der neue Film „Oleg” des Regisseurs Juris Kursietis, der am 1. Juli 2020 in die Kinos kam, erzählt die auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte eines Arbeiters aus Lettland, der in Belgien in die Gewalt eines polnischen Kriminellen gerät. Durch nahe Kameraführung und eine beklemmende Atmosphäre wollte der Regisseur die Realität der modernen Sklaverei in westlichen Ländern in den Vordergrund rücken.

Nachdem er gerade von der Fleischfabrik, in der er in Gent arbeitete, gefeuert wurde, lernt Oleg den in Belgien lebenden polnischen Einwanderer Andrzej kennen. „Wir helfen dir, Oleg“, sagt er zu ihm in gebrochenem Englisch. Der Film „Oleg“ erzählt die Geschichte des gleichnamigen lettischen Protagonisten, der in der Hoffnung, seinen Lebensunterhalt zu verdienen und seine Schulden begleichen zu können, nach Belgien gekommen ist. Doch sein Traum verwandelt sich in den Fängen von Andrzej bald in einen Alptraum.

Dort wo Oleg herkommt, gehört er zu den sogenannten „Nichtbürgern“. Nach der Unabhängigkeitserklärung Lettlands im Jahr 1991 bekamen nur solche die lettische Staatsbürgerschaft, die sie auch schon vor der Angliederung an die Sowjetunion hatten. Die anderen, oft russischer, aber auch weißrussischer, polnischer und litauischer Abstammung, erhielten den Status des „Nichtbürgers“, der ihnen das Recht zu wählen und den Zugang zu einigen Berufen vorenthält. 2015 gab es immer noch 260 000 Nichtbürger, trotz der Einbürgerungen, die in den letzten Jahrzehnten stattfanden.

„Wenn du abhaust, finde ich dich“

Jetzt in Belgien, aber ohne europäischen Pass, befindet sich Oleg, gespielt von Valentin Novopolskij, in einer prekären Situation. Seine einzige Hoffnung ist zu Beginn des Films Andrzej (Dawid Odgrodnik), der ihm Arbeit und einen polnischen Pass verspricht. Er nimmt weitere polnische und lettische Einwanderer auf und schickt sie zur Arbeit auf Baustellen. Dieses System scheint in Belgien allgegenwärtig zu sein. Einem [Bericht der Freien Universität Brüssel (ULB)] (https://www.belspo.be/belspo/organisation/Publ/pub_ostc/S3/rS311004_en.pdf) aus dem Jahr 2004 zufolge „haben polnische Arbeiter zwei wirtschaftliche Nischen besetzt: das Baugewerbe für die Männer und das Reinigungsgewerbe für die Frauen. Im Baugewerbe regeln polnische ‚Vermittler‘ den Arbeitsmarkt. Dieser bietet dem Arbeitgeber Arbeitskräfte an, erhält eine Provision und verkauft dann die Arbeit an illegal eingereiste Arbeiter.

Oleg - Valentin Novopolskij und Andrzej -Dawid Odgrodnik
Oleg, gespielt von Valentin Novopolskij (rechts) und Andrezj, gespielt von Dawid Odgrodnik (links)

Die schwierigen Arbeitsbedingungen, das nie ankommende Gehalt und Andrzejs aggressives Verhalten lassen Oleg erkennen, dass er in der Klemme steckt. Der falsche polnische Pass, den er sich gerade besorgt hat, wird ihm sofort von Andrzej abgenommen, dessen Drohungen und Gewalt keinen Raum für Zweifel lassen: Er hält seine Männer durch Erpressung und die Angst, auf der Straße zu landen.

Ein Film, der auf einer wahren Geschichte basiert

Etwa 80-85% dessen, was Sie in dem Film sehen, hat sich wirklich so abgespielt. In einigen Fällen war es sogar noch brutaler“, sagt Regisseur Juris Kursietis. Nicht mehr losgelassen von der Geschichte eines lettischen Arbeiters in Belgien, der unter dem Einfluss eines Kriminellen durch die Hölle ging, beschloss Kursietis 2013, vor Ort zu recherchieren. „Ich habe Kontakte in der Industrie gesucht, aber jeder sagte mir, dass ich so etwas in Belgien nicht finden würde.“ Ein Besuch in einer Fleischfabrik in Gent reichte aus, eine Gruppe von Letten aufzuspüren, die als Zerleger arbeiteten. „Wir haben sie besucht, mit ihnen gesprochen und einige interessante Geschichten zu hören bekommen.

Die Nachfrage nach Arbeitskräften für anstrengende körperliche Arbeiten und die Tatsache, dass einige Einwanderer schon länger im Geschäft sind, hält dieses ausbeuterische System am Laufen. Für Juris Kursietis ist das eine Verstrickung auf mehreren Ebenen. „Diese Kriminellen, die man durchaus als Zuhälter bezeichnen kann (_Anm. d. Red.: Zuhälterei ist auch Teil ihres Geschäfts), haben oft Geldprobleme, kennen die Situation gut und haben am Ende keine andere Wahl - wer also könnte besser als sie andere betrügen? Gleichzeitig weiß die Fleischindustrie, die diese Zwischenhändler einsetzt, ganz genau, dass die von ihr angeheuerten Typen nicht komplett abgesichert sind. Aber diese Industrie braucht billige Arbeitskräfte, damit sie ihr Fleisch billig verkaufen kann._“

„Wir sollten vor unserer eigenen Tür kehren“

Obwohl dieses Phänomen in vielen westeuropäischen Ländern existiert, wird es doch von der Allgemeinheit verkannt. Auch wenn moderne Sklaverei hauptsächlich in Asien und Afrika vorkommt, bleibt Europa nicht davon verschont. 23 000 Menschen sollen nach einer [Schätzung] (https://media.cafebabel.com/article-photos/creative/200701-Global-Index-Slavery.jpg) des Global Slavery Index von 2016 in Belgien davon betroffen sein. Diese Zahl umfasst „alle Formen der Ausbeutung, gegen die sich eine Person aus Angst vor Repressalien, Nötigung, Täuschung oder Machtmissbrauch nicht wehren kann“, einschließlich Menschenhandel und Zwangsehe. Der Index zeigt jedoch auch, dass Belgien auf Platz 5 der Länder liegt, in denen die Regierung die effizientesten Maßnahmen zur Bekämpfung der modernen Sklaverei umsetzt.

In seinem Film spricht der Regisseur ein Thema an, das ihm sehr am Herzen liegt. Er sagt: „Wir sollten vor unserer eigenen Tür kehren. Wir Europäer sollten einmal gründlich über dieses nicht länger tragbare System nachdenken. Jeden Tag ereignen sich solche Fälle in Europa, weil uns nicht bewusst ist, was hinter Billigprodukten steckt.

Klaustrophobie

Für seinen Film bediente sich der Regisseur in allen Szenen einer Schulterkamera, um auch die kleinsten, oft improvisierten Bewegungen von Oleg und den anderen einzufangen. Die Nahaufnahmen von Oleg und die düstere Atmosphäre spiegeln das Gefangensein des Protagonisten wider. „Es war auch unsere Absicht, dass die Zuschauer dieselben Gefühle erleben können wie Oleg selbst.

Für die belgische Koproduzentin Isabelle Truc kann die Spannung im Film dazu beitragen, eine Botschaft zu vermitteln, die der breiten Masse noch unbekannt ist. „Wir befinden uns in einem Verbrecher-Milieu. Es herrscht eine Spannung, wie sie im Thriller vorkommt. Und ich denke, das kann den Adrenalinspiegel in die Höhe treiben.

Nachdem der Film 2019 seine Premiere in Cannes bei der „Quinzaine des Réalisateurs“ feierte, machte er weltweit die Runde. Er kam am 1. Juli 2020 in die belgischen Kinos, wo er laut Isabelle Truc mit Spannung erwartet wurde.


Oleg wurde produziert von Tasse Film (Lettland) und koproduziert von Iota Production (Belgien), InScript (Litauen) und Arizona Production (Frankreich).

Mit freundlicher Unterstützung vom Centre du Cinéma et de l'audiovisuel de la fédération Wallonie-Bruxelles, Lettischen Nationalen Filmzentrum, Litauischen Filmzentrum, U Media, LTV, Cinevera, CNC und Eurimages.

Übersetzt von Katarina Weber, Chady Ghouthi, Joana Steller, Astrid Fougère, Pauline Luhrenberg, Abderrahmen Mahfouf (Master Übersetzungswissenschaft - IÜD Heidelberg).

Story by

Léa Marchal

Babélienne depuis 2018, je suis éditrice pour le magazine Cafébabel. Je suis également la rédactrice-en-chef du projet Generation Yerevan, co-créatrice du podcast Soupe à l'Union, et journaliste free lance dans les affaires européennes

Translated from « Oleg » : l'esclavage moderne en Belgique