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Das Wort vom „Mullahregime“

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Islam in Europa

Wenn deutsche Medien vom „Mullahregime“ oder der „radikalen Hamas“ sprechen, soll dies weniger eine Information, als eine Wertung vermitteln. Auch dass sie den Vorwurf, der Iran wolle Israel von der Landkarte tilgen, auf einem Übersetzungsfehler begründen, sagt einiges über die Voreingenommenheit vieler Medien aus. Donnerstag 27.

März 2008

Irans Präsident Ahmadinejad ist kein MullahIn Zeitungen und Zeitschriften sind Worte für gewöhnlich nicht mehr als schwarze Buchstaben auf weißem Papier. Und doch bestimmen sie die Wahrnehmung der Wirklichkeit, da sie dem Leser die Welt vermitteln. In diesem Sinne ist Sprache ein Herrschaftsmittel, das nicht nur Ausdruck einer politischen Haltung ist, sondern auch die Sicht auf die Dinge mit prägt. Dies gilt in allen Bereichen und nicht zuletzt im Hinblick auf die Weise, wie deutsche Medien über den Islam und den Islamismus schreiben. Einige Beispiele

ERSTENS. Seit der iranischen Revolution hat sich bis in die seriösen, deutschen Medien der Begriff „Mullahregime“ als Synonym für die iranische Regierung durchgesetzt. Der Begriff vermittelt das Bild, der Iran werde von einem Rat von Geistlichen beherrscht, fanatischer bärtiger Turbanträger, die politische Entscheidungen nach dem Koran treffen, da dies das einzige Buch ist, das sie kennen. Ein Bild, das dem komplexen System der Islamischen Republik aber kaum gerecht wird.

Denn wie die offizielle Staatsbezeichnung „Islamische Republik“ schon anzeigt, ist der Iran nicht einfach eine Theokratie, sondern enthält mit der regelmäßigen Wahl des Präsidenten und des Parlaments starke demokratische Elemente. Sicher sind die Wahlen weder frei noch fair, sicher hat mit dem Revolutionsführer Ayatollah Khamenei ein Geistlicher die oberste Macht, aber der Begriff Mullahregime ist weniger informativ als diffamierend gedacht. Und seitdem Ahmadinejad Präsident ist, weniger treffend denn je zuvor.

ZWEITENS. Die Hamas ist bekanntlich eine palästinensische Bewegung, die ideologisch den Muslimbrüdern verwandt ist und die mit politischen und militärischen Mitteln die israelische Besatzung Palästinas bekämpft. Anders als die Fatah-Bewegung, die sich angesichts ihrer Unfähigkeit, Israel gewaltsam zu besiegen, zu Verhandlungen bereit erklärt hat, setzt die Hamas weiter auf Konfrontation. Insofern handelt es sich ohne Zweifel um eine „radikale“ Organisation.

Ob es deshalb aber notwendig ist, der Organisation stets das Adjektiv „radikal“ voranzustellen, wie dies deutsche Medien tun, ist fraglich. Schließlich schreibt auch niemand, die „säkulare“ oder die „moderate“ Fatah, wobei beides auch zweifelhafte Attribute für eine durchaus religiös geprägte und keineswegs friedfertige Bewegung wären. Letztlich ist das Adjektiv „radikal“ weniger als zusätzliche Information über die mittlerweile hinlänglich bekannte Hamas gedacht, sondern allein als abwertender Ausdruck.

LETZTENS: Ob es sich um einen unglücklichen Übersetzungsfehler oder eine journalistische Zuspitzung handelte, sei dahingestellt, Tatsache ist jedoch, dass das von den westlichen Medien wiedergegebene Zitat Ahmadinejads „Israel muss von der Landkarte getilgt werden“ so nicht gefallen ist. Wie die Journalistin Katajun Amirpur kürzlich in der Süddeutschen Zeitung darlegte, muss die richtige Übersetzung seines Satzes lauten: „Das Besatzungsregime muss Geschichte werden.“

Ahmadinejad hat also nicht gefordert, Israel auszulöschen, sondern ein Ende der israelischen Besatzung Jerusalems verlangt. Nun hat sich Ahmadinejad niemals von diesem Zitat distanziert, sondern die Aufmerksamkeit, die es ihm im Westen eingebracht hat, so sehr genossen, dass er seine Angriffe auf Israel bei jeder Gelegenheit wiederholt hat. Ein Freund Israels ist er sicher nicht. Als Beweis für die ihm unterstellten Vernichtungspläne ist der Satz jedoch eine denkbar dürftige Grundlage.