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Covid-19, : «Alle unsere Patienten befinden sich in einem kritischen Zustand »

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In Frankreich befinden sich momentan mehr als 7000 Menschen, die sich mit Covid-19 angesteckt haben, auf Intensivstation. Aufgrund des Mangels an Pflegepersonal, Schutzmasken und Medikamenten, kommen laut interner Stellungnahme ausschließlich Patienten hohen Genesungschancen in die Intensivbehandlung.

Lucien (Name geändert) ist 28 Jahre alt und macht gerade eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Er gehört zu denjenigen, die im Rahmen der Covid-19 Pandemie zur Verstärkung der Pflegekräfte eingesetzt wurden und arbeitet auf der Intensivstation in einem Pariser Krankenhaus. Ein Interview.

Wie sieht dein typischer Tagesablauf aus?

Ich arbeite von 19 Uhr bis 7 Uhr in der Früh. Ich muss mich um die gesamten Patienten kümmern die unter Atemnot leiden und eine Intubation benötigen (Eine Sonde, die der künstlichen Beatmung dient). Die Behandlung kann durchaus schwierig sein, die Patienten müssen sechzehn Stunden lang auf dem Rücken liegen und dann wieder auf den Bauch gedreht werden. Außerdem benutzen wir verschiedene Maschinen um die Atemschwierigkeiten zu lindern. Da wir nicht genug Medikamente haben, die spezifisch gegen Covid-19 eingesetzt werden können, testen wir die Wirksamkeit von bereits bekannten Mitteln an unseren Patienten wie Plaquenil (Hydroxychloroquin) oder Kaletra (Ein Medikament, das bisher bei der Behandlung von HIV eingesetzt wurde). Nach der Arbeit gehe ich Heim und lege mich schlafen. Um 15 Uhr steh ich dann wieder auf um etwas zu essen und um mich fertig zu machen bevor die nächste Nachtschicht losgeht.

Inwiefern hat Covid-19 deinen Alltag verändert?

Vor allem die Menge an Arbeit hat sich verändert sowie das Verhältnis zwischen dem Pflegepersonal und den Patienten. Seit Corona kümmern sich zwei Pfleger um drei Patienten. Gewöhnlich hat man einen Pfleger für zweieinhalb Patienten. Das liegt daran, dass der Bedarf an Pflegekräften gestiegen ist und das ständige An – und Auskleiden bevor man einen Raum betritt sehr zeitaufwändig ist. Normalerweise ist jeder fünfte Patiente in der Notaufnahme in einem wirklich kritischem Zustand, momentan ist es jeder einzelne. Wir haben deswegen angefangen Patienten nach weniger betroffenen Regionen Frankreichs zu versetzen, vor allem in den Osten wie beispielsweise in die Bretagne.

Wie wird man in den Krankenhäusern logistisch mit der Situation fertig?

In der Notaufnahme haben wir fünf Dialysegeräte (Die Dialyse ist ein Vorgang bei dem das Blut gereinigt wird), sowie zwanzig Beatmungsgeräte. In der Regel brauchen wir nur ein Dialysegerät und fünfzehn Beatmungsapparate, zur Zeit sind jedoch alle Maschinen durchgehend im Einsatz. Die Beatmungsgeräte sind teilweise schon fünfzehn Jahre alt und nicht mehr in einem optimalem Zustand. Langsam gehen uns auch die Narkosemittel aus. Logistisch gesehen ist die Situation wirklich katastrophal. Das war eigentlich auch schon vor der Pandemie so. Wir haben das ganze letzte Jahr schon versucht auf die Arbeitszustände aufmerksam zu machen, aber wir wurden nicht gehört. Inzwischen ist hier das Chaos ausgebrochen. Wir haben zwar noch Masken, aber uns fehlen akut Kittel und Medizin. Eigentlich werden Einmal-Kittel verwendet, die jedes Mal gewechselt werden bevor man das Zimmer eines Patienten betritt. In der jetzigen Situation haben wir für jedes Zimmer einen Kittel der immer wieder getragen wird. In Privatkliniken ist die Lage noch schlimmer. Dort hat jeder Pfleger teilweise nur zwei Masken pro Tag zur Verfügung und bei der Verabreichung von Medikamenten werden die selben Spritzen mehrmals verwendet.

Wer ist in deinem Krankenhaus am meisten vom Virus betroffen?

Vor allem übergewichtige Menschen. Auch junge Leute ab zwanzig. Laut den Ärzten hat der Virus bei einem erhöhten Fettanteil im Körper stärkere Auswirkungen. Bei uns wiegen von fünfzig Patienten dreißig mehr als hundert Kilo. Alte Menschen mit Vorerkrankungen nehmen wir gar nicht mehr in die Intensivstation auf, da sie den nötigen Kriterien nicht entsprechen. Momentan ist es einfach nicht tragbar sie an die Maschinen zu hängen weil sie keine besonders große Überlebenschancen haben. Deshalb sehe ich hier nicht viele ältere Patienten.

Inwiefern hilft dir der Lob und die Unterstützung der Zivilbevölkerung?

Es tut schon gut, wir sind sehr dankbar für die Solidarität der Menschen, es hält auf jeden Fall die Stimmung aufrecht. Auch in der Notaufnahme halten wir zusammen. Egal ob Ärzte, Chirurgen, Hilfspfleger oder Auszubildende, jeder packt mit an. Und manche Leute haben uns sogar schon Kuchen oder Sushi vorbeigebracht.

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Wie beeinflusst die Situation dich und dein Team?

Ich habe mich daran gewöhnt, Menschen in extrem kritischen Lagen oder gar sterben zu sehen. Besonders schwierig ist für uns zu sehen wie rasch sich der Zustand der Patienten verschlechtert. Wir fühlen auch viel mit den Familien mit, die ihre Lieben nicht besuchen dürfen und sich nicht von ihnen verabschieden können bevor sie auf die Intensivstation verlegt werden. Die Patienten müssen zwei Monate lang behandelt werden und die Nachwirkungen müssen mindestens sechs Monate lang weiterhin beobachtet werden.

Kannst du uns erklären warum die Rate der Toten bzw. der Infizierten von Land zu Land so unterschiedlich ist?

Die Zahl der Infizierten hängt zwangsläufig von der Anzahl an Tests ab die durchgeführt werden. In Deutschland trifft die Krankheit beispielsweise mehr junge als alte Menschen. In Italien hingegen stecken sich vor allem Senioren an, weil sie wenig isoliert und gut in der Gesellschaft integriert sind.

Was hältst du persönlich von dem in Deutschland und Holland angewendeten Prinzip des „smart confinement“, (selbstständige Isolation) das sich auf die Selbstdisziplin der Bürger verlässt?

Die Folgen werden sich erst später zeigen. Momentan kann man noch unmöglich einschätzen, wir gut dieses Prinzip funktioniert. Die Untersuchungen zur Wirksamkeit dieser Einschränkungen bringen ja ständig neue Resultate. Fest steht, dass früher oder später die kollektive Immunität erreicht werden muss. Das ist die einzige langfristige Lösung, da ohnehin ein Großteil der Bevölkerung infiziert sein wird. Nach einiger Zeit wird sich der Virus dann zu einer anderen Grippeart weiterentwickeln. Bis dahin müssen wir auf jeden Fall besser ausgerüstet sein.


Titelbild : © Prachatai

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Story by

Safouane Abdessalem

Du piano classique à la presse écrite. Pour Cafébabel, je m'intéresse particulièrement aux questions sociales, économiques et culturelles, tout en gardant un œil sur la politique étrangère. Biculturel, binational & bidouilleur.

Translated from Covid-19 : « Tous nos patients sont dans un état critique »